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Argentinien kämpft gegen den Staatsbankrott

Salvador Wer an der Stuttgarter Börse nach argentinischen Anleihen sucht, wird viel finden: 71 Anleihen aus der Argentinischen Republik sind dort gelistet. Es gibt auch elf Anleihen aus der Stadt Buenos Aires und ein weiteres Dutzend Banknoten aus den argentinischen Provinzen. Sie sind in Euro, Dollar und sogar in deutschen Mark erhältlich.

Die Anleihen haben eines gemeinsam: Sie wurden nie ordnungsgemäß bedient, sie wurden teilweise umgeplant – und stehen nun wieder im Mittelpunkt der Schuldenverhandlungen. Man könnte sagen, dass die Liste der argentinischen Vermögenswerte die umfangreiche Personalakte des weltweit größten Schuldners ist. Kein Land hat in nur 20 Jahren dreimal aufgehört, seine Schulden zu bezahlen.

Erst vor vier Jahren kehrte Argentinien auf die internationalen Finanzmärkte zurück – nach 15 Jahren Isolation. Ein Schicksal, das jetzt wieder droht: Vor knapp zwei Wochen haben die Ratingagenturen Fitch und Standard & Poor’s Argentina erneut Zahlungsverzug eingestuft. Am 22. Mai lief die Frist für die Rückzahlung von Zinsen in Höhe von rund 500 Millionen US-Dollar für Argentinien ab.

Trotzdem ist der Staatsbankrott Argentiniens – es ist der neunte in der Geschichte des Landes – etwas anders: Die Regierung des Peronisten Alberto Fernández will den Zahlungsausfall unbedingt vermeiden und verhandelt weiter. Und die Gläubiger machen mit.

Sie sind in Gruppen organisiert: Die beiden wichtigsten sind die “Ad-hoc-Gruppe”, mit der Fonds wie Blackrock, Fidelity und Ashmore fusioniert haben. Sie halten die letzten seit 2016 begebenen Anleihen. In der zweiten Gruppe sind die Gläubiger versammelt, um die Anleihen zu halten, die seit 2001 von einer der drei Umschuldungen betroffen waren.

Starke Investoren

Zusammen haben die beiden Gruppen jeweils rund ein Drittel der alten, bereits umgeplanten Anleihen und der neuen Anleihen, die nach 2016 aufgelegt wurden. Das macht sie mächtig: Sie könnten die sogenannte Beschleunigungsklausel schnell aktivieren. Danach kann ein Viertel der Gläubiger einer Anleihe die sofortige Rückzahlung des geschuldeten Kapitals beantragen.

Aber die Gläubiger haben bisher davon Abstand genommen. Sie hoffen, dass Argentinien, wie bereits mehrfach versprochen, Verbesserungen erzielen wird. Im Gegensatz zur Umschuldung in den Jahren 2005 und 2010 sind Kleinanleger nicht gut vertreten, was darauf hindeutet, dass Fachleute wie insbesondere Hedgefonds argentinische Anleihen finanziert haben.

Die Gläubiger lehnten das erste Angebot ab. Für Anleihen mit einem Nennwert von 65 Milliarden US-Dollar bot Argentinien an, die Zinsschulden um 62 Prozent und die Schulden um 5,4 Prozent zu reduzieren. Die Gläubiger sollten jedoch drei Jahre warten, bis das Land weitere Rückzahlungen vornehmen würde. Laut Buenos Aires soll sich Argentinien inzwischen verbessert haben. Die Regierung hat das neue Angebot zur Umschuldung jedoch noch nicht offiziell bei der US-Börsenaufsichtsbehörde eingereicht, wo die meisten der jetzt betroffenen Anleihen registriert sind.

Argentinien kann nicht mehr zahlen, es muss sich erst wirtschaftlich erholen, Wirtschaftsminister Martín Guzmán begründet das Angebot. Argentinien hofft, dass die durch die Koronakrise verschärfte Rezession die Gläubiger milder macht. Ein harter Kurs wäre für die Gläubiger angesichts der schweren Krise wenig sinnvoll: Argentinien befindet sich seit drei Jahren in einer Rezession.

Der Staat druckt Geld, um sich selbst zu finanzieren, und wird die Inflation bald über die aktuellen 45 Prozent treiben. Der Dollar ist auf dem Schwarzmarkt fast doppelt so viel wert wie zum offiziellen Wechselkurs. Eine Umschuldung, zu der sich Argentinien heute verpflichten würde, wäre wenig sinnvoll. Weil die Regierung angesichts der Schwäche des lokalen Pesos kaum vorhersehen kann, wie es in drei Jahren wieder zahlungsfähig werden könnte.

Prominente Befürworter

Es ist unmenschlich und kurzsichtig, wenn Gläubiger versuchen, so viel wie möglich aus Argentinien herauszuholen, sagt der bekannte US-Ökonom Joseph Stiglitz. Anders als in der Vergangenheit bestätigt er, dass Argentinien diesmal mit gutem Willen verhandelt und auch mit dem IWF des Internationalen Währungsfonds diskutiert.

Stiglitz ‘Befürwortung ist keine Überraschung: Wirtschaftsminister Martín Guzmán hat kürzlich unter Stiglitz an der Columbia University in New York geforscht. Und er treibt die Strategie voran, mit der Argentinien den Zahlungsausfall verhindert: Die Regierung hofft, dass die Mehrheit der Gläubiger ihre Verhandlungsführung als “gutgläubig” interpretieren wird, dh ehrlich und mit dem besten Willen der Welt. Nur dann hat er die Möglichkeit, gleichzeitig Verhandlungen mit dem IWF aufzunehmen.

Für Argentinien, das im Gegensatz zu Griechenland beispielsweise keine Europäische Zentralbank hat, ist die Unterstützung durch Washington die letzte Hoffnung: Mit Darlehen in Höhe von 44 Mrd. USD ist der IWF Argentiniens größter Einzelgläubiger. In Washington müssen private Gläubiger jedoch einen großen Teil ihrer Forderungen gegen Argentinien abschreiben, bevor der Fonds über eine Umschuldung verhandelt.

Aus diesem Grund hätte ein Umschuldungsmodell bei privaten Gläubigern die größten Erfolgschancen: Dies wäre eine Stillhaltevereinbarung, in der die Gläubiger nur minimale Zinszahlungen erhalten, Argentinien wird sich jedoch erst dann erheblich amortisieren, wenn das Land wieder wächst. Gleichzeitig würde der IWF seine Rückzahlungsfristen erheblich verlängern. Dies erhöht die Chancen, dass sich auch Argentinien erholt und in einigen Jahren seine privaten Schulden zurückzahlen kann.

Es ist jedoch noch völlig offen, ob Washington Argentinien bevorzugt behandeln will. 200 Länder haben Notkredite beantragt. Argentinien ist kein armes Land, sondern sogar Teil der G20-Gruppe von Ländern, die den ärmeren Ländern auf der ganzen Welt helfen wollen.

Argentinische Anleihen sind für private Anleihegläubiger verlockend geworden: zum Beispiel die 100-jährige Anleihe (WKN: A190E8). Ihr Kurs stieg in einem Monat um 60 Prozent auf 0,32 US-Dollar. Die Anleihe, die ursprünglich im Jahr 2117 ausläuft, ist attraktiv: Sie könnte leicht eine Rendite von über 20 Prozent erzielen, selbst wenn die Rückzahlung und die Fälligkeit einer Umschuldung verringert und die Zinszahlungen nur schrittweise erhöht werden.

Ein Blick auf die lange Liste fälliger und nicht genutzter argentinischer Anleihen an der Stuttgarter Börse sollte jedoch jeden privaten Investor warnen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Argentinien seine Verpflichtungen einhält, ist vernachlässigbar.

Mehr: Argentinien ist mit der fortwährenden Schuldenkrise konfrontiert.

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