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Auktionssommer: Das teuerste Bild des Corona-Jahres?

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V.or fünf Jahren war die Welt noch in Ordnung. Auch die Auktionswelt. Es gab keine Pandemie, die Versteigerungen vor Publikum unmöglich machte. Die Auktionshäuser mussten weder Notfallhilfen in Anspruch nehmen, noch Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Sotheby’s war noch ein börsennotiertes Unternehmen, dessen Kurs über den Kunstmarkt hinaus als ein Konjunkturbarometer galt.

Und das teuerste je versteigerte Kunstwerk der Welt war noch kein überrestaurierter Leonardo, sondern ein ziemlich guter Picasso: „Les Femmes d’Alger (Version ‚O‘)“. Es wurde im Jahr 2015 von Christie’s in New York für 180 Millionen Dollar versteigert. Und jetzt kommt Version „F“ unter den Hammer.

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Der Schätzpreis für das Gemälde liegt bei „nur“ 20 bis 30 Millionen Dollar, aber sicherlich sind die Erwartungen bei Christie’s ungleich höher. Ein gehöriger Sprung über die obere Taxe wäre ein Befreiungsschlag für die verunsicherte Branche, in der auf das locker sitzende Geld der Milliardäre doch stets Verlass war. Die von Eugène Delacroix inspirierten „Frauen von Algier“ sind ein Toplos in einem neuen Versteigerungsformat, mit dem Christie’s digitale und analoge Auktionen verschmelzen will.

Pablo Picasso,

Pablo Picasso, “Die Frauen von Algier (Version F)”, 1955

Quelle: © Christie’s Images Limited 2020/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

„One – A Global Sale of the 20th Century“ vereint impressionistische und moderne Kunst, Nachkriegs- und Gegenwartskunst. Die Auktion findet am 10. Juli gleichzeitig in Hongkong (als Abendveranstaltung), in Paris und London (nachmittags) sowie in New York (als Morgenauktion) statt. Dort, wo es die Hygieneauflagen erlauben, werden die Bieter vom Auktionator im Saal empfangen, anderenorts nur im Livestream.

Kunstverkäufer haben noch viele Fragen

In den globalen Onlineauktionen der vergangenen Monate wurde selten ein Kunstwerk für mehr als eine Million Dollar versteigert. Was weniger an mangelnder Nachfrage liege, wie der Christie’s-CEO Guillaume Cerutti erklärt, sondern an vorsichtigen Einlieferern, die „viele Fragen“ hätten und Geschäfte, bei denen mehr als fünf Millionen Dollar bewegt werden, bevorzugt in der Verschwiegenheit der „private sales“ abwickeln. Insofern ist es nun nicht nur ein Test für den Picasso, sondern auch für die gesamte Auktion mit ähnlich taxierten Werken von Roy Lichtenstein, Ed Ruscha oder Barnett Newman, dessen dunkelblaues „Zip“-Gemälde „Onement V“ sogar auf 30 bis 40 Millionen Dollar geschätzt ist.

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Sotheby’s nennt die Prestigeauktion am 30. Juni ganz klassisch „Contemporary Art Evening Auction“. Die Werke sind zurzeit im New Yorker Hauptquartier ausgestellt, aber auch in einem digitalen Viewing-Room. Das Auktionshaus, das mittlerweile dem französisch-israelischen Unternehmer Patrick Drahi gehört, geht noch einen virtuellen Schritt weiter und bietet in der Smartphone-App eine Augmented-Reality-Funktion an, mit der man sich die Kunstwerke daheim über die Couch hängen kann. Etwa Clyfford Stills frühes Meisterwerk des Abstrakten Expressionismus, „PH-144“ aus dem Jahr 1947, das sich seit fast fünfzig Jahren in Privatbesitz befindet und angesichts des Rekordpreises von 69 Millionen Dollar für den Künstler mit 25 bis 35 Millionen relativ niedrig angesetzt ist.

Clyfford Still, „PH-44 (1947-Y-No.1)“, 1947

Clyfford Still, „PH-44 (1947-Y-No.1)“, 1947

Was: (c) Sotheby’s

Aber auch Sotheby’s hofft auf befreiende Zuschläge. Was bei Christie’s Picasso ist, heißt dort Bacon. Dessen Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ rangierte bis 2015 als teuerstes je versteigertes Kunstwerk bis es von den „Femmes d’Alger“ abgelöst wurde. Nun konnte von dem norwegischen Milliardär, Sammler und Museumsstifter ein weiterer der begehrten Dreiteiler von Francis Bacon akquiriert werden: „Triptych Inspired by the Oresteia of Aeschylus“ von 1981 ist auf 60 bis 80 Millionen Dollar taxiert. Der Schätzpreis ist per Garantie abgesichert, als Probe für einen Markt, in dem ebenfalls noch viele Fragen offen sind, kann die Versteigerung daher nur bedingt gelten.

Sommerauktionen in Berlin

Auch in Deutschland haben die Auktionshäuser in den vergangenen Monaten „online only“ versteigert. In Berlin sind die Corona-bedingten Einschränkungen weitgehend gelockert worden, und die vom Juni verschobene Sommerauktion bei Grisebach kann in gewohnter Form im Saal nun am 9. und 10. Juli stattfinden. Die Werke sind wie üblich in der Charlottenburger Villa zu besichtigen, man kann aber auch eine Zoom-Führung mit einem Experten des Hauses buchen.

Vier Kataloge illustrieren das Angebot der 666 Kunstwerke mit einem mittleren Schätzwert von 15 Millionen Euro. Zu den Hauptlosen gehört ein Blumenstillleben von Jan Brueghel dem Jüngeren (800.000 bis 1,2 Millionen Euro), eine Südseelandschaft von Emil Nolde zum selben Schätzpreis oder der Kupferstich „Adam und Eva“ von Albrecht Dürer, der noch zu Lebzeiten des Künstlers gedruckt wurde und daher auf 80.000 bis 120.000 Euro taxiert ist.

Albrecht Dürer, „Adam und Eva“, 1504

Albrecht Dürer, „Adam und Eva“, 1504

Quelle: Grisebach GmbH

Dass die Welt aber doch nicht ganz in Ordnung ist, darauf macht Grisebach bereits zusammen mit dem Pianisten Igor Levit in einer „Silent Auction“ aufmerksam. Viele Kulturschaffende befinden sich noch immer in einer Notlage, weil Konzerte ausfallen und Theater leer bleiben. Levit streamte wochenlang Klavierkonzerte aus seinem Wohnzimmer und hat jüngst Erik Saties 20-stündiges Werk „Vexations“ online aufgeführt. Gebote für die 840 Seiten Noten dieser Komposition werden am 28. Juni noch bis 20 Uhr angenommen. Der Erlös kommt den Stiftungen Freo und Artist Relief Tree zugute.

Auktionshaus mischt die Markttrennung auf

Das in letzter Zeit viel gescholtene Berlin bietet zudem den Ort für kleine Versteigerungsrevolutionen. Kilian von Seldeneck ist eigentlich Chef des Berliner Sitzes des Kölner Auktionshauses Lempertz, mit KvS Auctions probt er nun eigene innovative Formate. Mit seiner dritten Auktion am 8. Juli will er die im Kunsthandel bestehende Trennung zwischen Primärmarkt und Sekundärmarkt aushebeln.

Anders als etwa in China ist es in der westlichen Welt nämlich unüblich, dass Galerien oder die Künstler selbst ihre Arbeiten über ein Auktionshaus anbieten. Was die beiden Bereiche trennt, ist die mehr oder weniger intransparente Preisgestaltung. Während Galeristen Verkaufspreise gern diskret behandeln, werden sie in der klassischen Auktion mit Bietergefecht regelrecht hinausposaunt, was für die Händler mitunter unangenehme Auswirkungen haben kann.

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Galeristin Mariane Ibrahim

Für die Auktion bei KvS ist das nun nicht zu befürchten. Die Galeristen tragen die Idee mit. Meist habe man sich bei einem Startgebot gefunden, das bei etwa fünfzig Prozent des Galeriepreises liegt. Das teuerste Los ist ein großes Acrylgemälde von Katharina Grosse, die zurzeit den Hamburger Bahnhof mit einer All-over-Ausstellung bespielt und von der König Galerie vertreten wird: Startpreis 100.000 Euro. Die meisten Arbeiten der Künstler – die Atelier oder Galerie in Berlin haben – liegen aber im niedrigen vier- bis fünfstelligen Bereich. Darunter etwa ein Print der Popkünstlerin Bunny Rogers (5000 Euro), eine großformatige Fotografie von Julius von Bismarck (18.000 Euro) oder eine Skulptur von Sofia Hultén (7000 Euro).

Sofia Hultén, „Indecisive Angles XV“, 2015

Sofia Hultén, „Indecisive Angles XV“, 2015

Quelle: © Sofia Hultén, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und Daniel Marzona

Zusätzlicher Anreiz für Käufer, das neue Format zu testen, ist ein wohltätiger Zweck. An die Stiftung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, in dessen Kuratorium mit Seldeneck gerade erstmals ein Auktionator gewählt worden ist, gehen fünf Prozent der Einnahmen – zum Ankauf zeitgenössischer Kunst. Denn die Museen sind bekanntlich auch ohne gesundheitliche Krise stark angeschlagen, jedenfalls was ihre finanziellen Möglichkeiten betrifft.

Quelle: WamS

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern Sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

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