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Corona-Krise: Leopoldina-Forscher fordern eine Umstrukturierung des Gesundheitssystems

Die Mitglieder der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina haben bereits drei Studien zur Koronakrise vorgelegt. Insbesondere der dritte Anfang April spielte eine entscheidende Rolle bei der Lockerung der Kontaktbeschränkungen und der Eröffnung von Geschäften, Restaurants und Schulen durch die Regierung.

Jetzt präsentieren die Forscher ihre vierte Arbeit. Es geht in erster Linie um die Frage, wie das Gesundheitssystem kurz- und langfristig so umstrukturiert werden muss, dass es auch künftigen Pandemien begegnen kann. In den Augen der Wissenschaftler: nicht nur Koronapatienten, sondern auch alle anderen Patienten, die auf wichtige Diagnosen und Behandlungen warten.

Der achtseitige Bericht, der SPIEGEL zur Verfügung steht, analysiert “die Stärken und Schwächen”, die die Koronakrise im Gesundheitssystem des Landes aufgedeckt hat, schreiben die 31 Leopoldina-Forscher. Und es sollte die überfällige Diskussion über die Lehren auslösen, die Staat und Gesellschaft aus der Koronakrise ziehen müssen.

Wissenschaftler fordern ein grundlegendes Umdenken: “Wie diese Krise deutlich zeigt, können in einem Gesundheitssystem nicht dieselben wirtschaftlichen Standards angewendet werden wie in der freien, wettbewerbsfähigen Wirtschaft”, schreiben sie. Der öffentliche Sektor, so kritisieren sie indirekt, hat sich zu weit von der Gesundheitsvorsorge der Bürger entfernt. Nach Ansicht der Wissenschaftler muss dies dringend geändert werden. Sie fordern: “Die Entwicklung eines adaptiven Gesundheitssystems, das auch mit Ausnahmesituationen umgehen kann, ist eine Regierungsaufgabe.”

Bewältigt die Situation “relativ gut”

Deutschland konnte die Pandemiesituation nach der Analyse der 15 Forscher “relativ gut” bewältigen. Sie schlagen jedoch vor, dass dies mehr auf die Improvisation durch Ärzte, Pflegepersonal und öffentliche Gesundheitsdienste als auf eine gute Vorbereitung zurückzuführen ist. Sie haben es nur etwas diskreter ausgedrückt: Die Akteure hätten “schnell und flexibel” reagieren sollen, was zu “Strukturen geführt hätte, die zu einer klaren Aufgabenteilung geführt hätten”.

Die Experten der Halle Halle wollen das Ergebnis dieses schmerzhaften Lernprozesses erhalten und erweitern. In dieser Phase der Pandemie wird es darum gehen, Menschen mit Covid 19 ausreichende Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. Universitätskliniken müssten eng mit regionalen Krankenhäusern und Allgemeinärzten zusammenarbeiten und die Erkenntnisse aus der Behandlung von Covid-Patienten noch weiter teilen.

Ihre Analyse bedeutet jedoch auch, dass “viele Patienten mit anderen, manchmal schwerwiegenden Krankheiten in den letzten Wochen nicht oder nur in sehr begrenztem Umfang untersucht oder betreut wurden”. Dazu gehören Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder psychischen Störungen.

Sie müssten wieder “bedarfsgerechte Pflege” erhalten, auch “um ihr Vertrauen in eine gute und sichere Behandlung zu stärken”. Dabei akzeptieren die Leopoldina-Forscher Kritik von einer ganzen Reihe von Medizinern und Patientenvertretern, die vor einer Zunahme von Krankheiten und Todesfällen bei Nicht-Covid-19-Patienten als einer Art Kollateralschaden für die Koronakrise warnen.

Infektionen in Krankenhäusern und Arztpraxen müssen durch strukturelle oder organische Trennung der beiden Patientengruppen behandelt werden. Für Schutzausrüstung, Medikamente und medizinische Geräte musste eine “zentrale Reserve” aufgebaut werden – dies war auch ein Misserfolg bei der Vorbereitung auf eine Pandemie.

Kritik an Flatrates pro Fall

Die Nationale Akademie rät nachdrücklich dazu, das Gesundheitssystem langfristig und strukturell umzustrukturieren. Grundlegende falsche Anreize des gegenwärtigen Systems müssten korrigiert und vermieden werden, schreiben die Wissenschaftler. Diese ergeben sich aus dem bestehenden Finanzierungssystem für Ärzte mit Flatrates pro Fall, bei dem Krankenhäuser beispielsweise für eine Operation einen festen Betrag von den Krankenkassen erhalten – weitgehend unabhängig von der tatsächlichen Aufenthaltsdauer des Patienten.

Die Fallpauschalen sollten nicht abgeschafft, sondern weiterentwickelt werden, damit auch eine Infrastruktur für den Pandemiefall entsteht. Es müssten “Reserven” für “zusätzliche Intensiv- und Infektionsbereiche” und Notfallmedizin geschaffen werden. Medizinisches und pflegerisches Personal sind auch für das Wohlbefinden der Patienten und ihre qualitativ hochwertige Behandlung von entscheidender Bedeutung. Laut den Leopoldina-Experten muss dies angemessen geschult und bezahlt werden, aber attraktivere Arbeitsbedingungen und “soziale Wertschätzung”.

Der Bericht wurde unter der Leitung von Leopoldina-Präsident Gerald Haug verfasst. Direktoren und Direktoren von Universitätskliniken wie Heyo Kroemer von der Berlin Charité oder Julia Mayerle von der Maximilianischen Universität München nahmen teil. Da war auch der Berliner Virologe Christian Drosten, der zum bekanntesten Gesicht der Koronaforschung in Deutschland geworden ist.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ist mit über 350 Jahren Geschichte der älteste wissenschaftliche Verein des Landes und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen. Bundeskanzlerin Angela Merkel erwähnte während der Koronakrise mehrfach, dass dem Rat der Leopoldina besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Ihr Ehemann Joachim Sauer ist seit 2007 ebenfalls Mitglied des Vereins.

Ikone: Der Spiegel

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