Das Netzwerk weiß es immer noch

| |

KDas Bundesverfassungsgericht hat kürzlich einem Mörder geholfen. Nicht in der Tat natürlich, aber möglicherweise im Leben mit seinen Konsequenzen. Der Mann hatte am 13. Dezember 1981 zwei Personen an Bord einer Yacht erschossen. Er wurde verurteilt und ins Gefängnis gesteckt. Er brach im Oktober 1984 aus und wurde zwei Tage später wieder gefasst. Jetzt will er wieder verschwinden. Nicht aus dem Gefängnis – er verbüßte seine Haftstrafe im Jahr 2002 – sondern aus unserer Erinnerung.

Anfang der achtziger Jahre hatte Der Spiegel ausführlich über den Fall berichtet. Drei Artikel, darunter der Name des Täters, sind ab sofort im Online-Archiv des Magazins verfügbar. Noch mehr: Sie können mit Suchmaschinen gefunden werden. Wenn Sie den Namen des Mannes bei Google eingeben, werden die Berichte über seine Tat oben angezeigt. Er wollte der Zeitschrift die Nennung im Jahr 2009 gesetzlich verbieten, weil er seine Haftstrafe abgesessen hatte. Er scheiterte jedoch vor dem Bundesgerichtshof (BGH). Für die Richter hatte das Interesse der Öffentlichkeit an Informationen Vorrang vor dem Schutz der Persönlichkeit des Mannes. Er legte Berufung beim Verfassungsgericht ein, das nun zu seinen Gunsten entschied: Bei der Abwägung der Grundrechte musste berücksichtigt werden, dass die verstrichene Zeit von besonderer Bedeutung war. Jetzt wird sich der BGH erneut mit der Angelegenheit befassen und prüfen, ob die Zeit in diesem konkreten Fall das öffentliche Interesse an dem Mord soweit verringert hat, dass das Internet den Mann vergessen sollte. Bis dahin bleiben die Artikel online.

Der österreichische Anwalt Viktor Mayer-Schönberger vom Oxford Internet Institute lobte, dass die Verfassungsrichter den Zeitaspekt betonten. "Wenn wir technische Werkzeuge verwenden, die das menschliche Vergessen unmöglich machen", sagt er, "dann müssen wir diese Erinnerungen ein wenig auf andere Weise abwerten."

Rechtliche Mechanismen des Vergessens

Mayer-Schönberger hat das Problem bereits vor zehn Jahren mit seinem Buch „Löschen. Die Tugend des Vergessens in der digitalen Zeit “. Wie er dort erklärt, war das Vergessen historisch die Norm. Erinnern war die Ausnahme. Mit Festplatten oder Cloud-Servern können Informationen jedoch dauerhaft gespeichert und vor allem mit geringem Aufwand abgerufen werden. So wurde das Vergessen zur Ausnahme. Dies hat in Mayer-Schönbergers Augen Vorteile, aber auch Nachteile. Zum einen ist das Vergessen ein Mechanismus, mit dem wir Dinge längst abwerten. Der Einzelne kann dadurch das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Aber es gibt auch ein ethisches Problem: Eine Gesellschaft, in der ein Mensch eine zweite Chance haben sollte, muss auch vergessen können.

Unsere Gesellschaft hat daher gesetzliche Mechanismen des Vergessens: Einträge im Strafregister werden nach einiger Zeit gelöscht. Und aus technischen Gründen geschah vor bis zu drei Jahrzehnten praktisch dasselbe mit Medienberichten über Strafsachen. Sie mussten aktiv in Zeitungsarchiven stöbern, um die Vergangenheit von jemandem wieder aufzuwärmen. Heute können Sie jedoch versehentlich auf einen alten, kompromittierenden Bericht stoßen, wenn Sie bei Google einen Namen eingeben. Das ist schlecht für alle, die zum Beispiel versuchen, einen Job zu finden, aber vor Jahren aus unangenehmen Gründen in der Öffentlichkeit waren. Potenzielle Arbeitgeber werden von Google auf die Episode aufmerksam gemacht, und die Betroffenen haben keine Chance, ihrer Vergangenheit zu entkommen. Aus diesem Grund begannen die ersten Versuche legaler Administratoren, dem Internet beizubringen, wie man das Internet vergisst, mit den Suchmaschinen.

. (tagsToTranslate) Viktor Mayer-Schönberger (t) Michael Ochs (t) Stacey Snyder (t) Google Inc. (t) ISIN_US38259P5089 (t) Bundesverfassungsgericht (t) Bundesgerichtshof

Previous

Vogue Italia ersetzt Fotografien durch Illustrationen, um nachhaltig zu sein

Almeida und Villacís unterstützen die Demonstration gegen die Investitur von Sánchez: "Er hat es nicht verdient, Präsident zu werden" | Spanien

Next

Leave a Comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.