Das trockene Ploppen (Tageszeitung junge Welt)

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Immer her mit dem wenigstimmigen Torjubel (hier in Gladbach)

Geisterspiele, ach herrje, so wehklagen jetzt viele. Mir aber ist’s recht, gucke ich doch Fußball, wenn überhaupt, nur im TV, und dann sowieso immer nur als Geisterspiel, nämlich ohne Ton. Anders halte ich einfach nicht aus, was die sogenannten Fans aber für unverzichtbar halten: dieser leichthin Stadionkulisse genannte Zuschauerkrach nämlich, dieser nie nachlassende Schreibrei von den Rängen, diese Kakophonie des ständig auf- und abebbenden akustischen Fanauswurfs, der da, durchsetzt von nervtötendem Gepfeife, Getrommel und Sprechchorälen, unausgesetzt aus dem TV-Gerät dröhnt. Dazu noch das kommentierende Gelärme der Reporter, ihre Gefühlsausbrüche bzw. ihr Gefühlsausbrüche lediglich imitierendes Gebrüll, die aggressive Intonation, ihre lausigen Witze, die ständigen Erläuterungen eines Spielgeschehens, das man doch selbst gerade eins zu eins so sieht. Wozu das alles, frage ich, wenn es auch ohne geht? Ja, bitte Geisterspiele! Von mir aus immer.

Aber die Spieler, höre ich jetzt die Fußballtrottel lärmen. Bringen doch ohne unseren Krach nicht die gewünschte Leistung, fühlen sich nicht genügend angestachelt ohne den Fankrawall, zeigen nicht diese herrlichen Emotionen – ja, zum Glück tun sie das nicht, schrei ich da ausnahmsweise mal zurück, und: Hör mir auf mit Emotionen! Denn fast noch unerträglicher als ohrenbetäubender Zuschauerradau sind emotional aufgepeitschte Fußballsportler. Besonders schlimm ist es nach Toren, wenn die Schützen von der Gefühlsexplosion ihres Triumphs und dem Torschrei der Massen überwältigt mit aufgerissenen Augen und Fressen ihre Zähne blecken, so weit und breit zuweilen, dass ich mich manchmal frage, warum sie nicht gleich ihr Glied zücken, um es nackt und steif in die nächstbeste Kamera zu halten, es käme bei einigen kaum weniger übergriffig rüber. Und wenn sie dann noch wie getrieben über die Grasnarbe fegen und die von ihren Bänken aufgesprungenen Trainer bespringen und die Ficksäge machen, dann kann ich nicht mehr. Dann muss ich vor Ekel und Abscheu den Blick abwenden und abschalten. Aber all das entfällt ja wohl bei so atmosphärisch abgedunkelten Geisterspielen. Um wieviel angenehmer wird so eines Fußballspiels Konsum.

Im TV, klar, wo sonst wird Fußball momentan noch konsumiert. Ins Stadion darf ja niemand mehr oder nur wenige. Die aber werden, jede Wette, schon bald begeistert sein und nur so schwärmen vom entlärmten Livefußballl – so wie ich es tue, seitdem ich vor Jahren dieses, mein Erweckungserlebnis hatte: In Bielefeld war’s, an einem Samstag im Mai, als ich dort für ein Wochenende Quartier bezog; das heißt, beziehen wollte, denn wer zum verabredeten Termin nicht kam, war mein Quartiergeber.

Er habe noch zu tun, teilte er mir telefonisch mit. Also ging ich vor dem Haus in Wartestellung und versuchte zunächst aus dem Zuschauergetöse, das von den Tribünen des nahen, Alm genannten Bielefelder Fußballstadions herüberwehte, den aktuellen Spielstand der dort gerade laufenden Partie zu erraten. Um wieviel kurzweiliger stellte sich dann aber das Treiben auf einem direkt gegenüber liegenden Bolzplatz heraus. So weit es ein das Geläuf umzäunender, teilweise pflanzenberankter Maschendraht zuließ, schaute ich den dahinter eifrig hin und her rabackelnden älteren Herren zu bei ihrem eher gemächlichen, zeitweise in eine Art Standfußball übergehenden Ruhigekugelgeschiebe, und das mit wachsendem Vergnügen.

Bis dann doch irgendwann mein Gastgeber angedüst kam. Und das wurde auch Zeit. Schließlich hatte ich einiges noch an mir aufzubrezeln, bevor ich endlich aufbrechen konnte, um pünktlich auf der Party zu sein, deretwegen ich angereist war.

Gegen sechs Uhr am nächsten Morgen traf ich, von den Feierlichkeiten bestens bedient, wieder in meiner Gästewohnung ein und lag wenig später selig schnorchelnd im Bett. Bereits um acht aber lag ich darin wieder hellwach, was allerdings entschieden zu früh, aber insofern nicht mehr zu ändern war, als ich ein Fenster auf Kipp hatte stehenlassen und somit ein sich draußen mählich steigerndes Geschnarre und Gebrumm, Gelächter und Gedengel ungehindert bis an mein Ohr dringen konnte. Als Quelle des Wecklärms entpuppte sich, wie ein verkaterter Blick aus dem Fenster ergab, ein gut drei Dutzend starkes Aufgebot an Männern, alle in Trainingsanzügen oder sonstwie sportiv gekleidet. Klarer Fall, Fußballer waren das, die an diesem frühen Sonntag vor dem noch verriegelten Sportplatzgelände gegenüber eifrig schnatternd darauf warteten, eingelassen zu werden. Ich hingegen schloss das Fenster und hatte schlagartig wieder meine Ruh.

Den ganzen restlichen Sonntag über, den ich nach dem Aufstehen (gegen zwölf) noch in der Gastwohnung verbringen durfte, herrschte auf dem Bolzplatz drüben reger Spielbetrieb. Ein Match jagte das nächste. Bis in den späten Nachmittag hinein waren sie am Gange. Vom nunmehr wieder offenen Fenster aus konnte ich zwischen zwei Bäumen hindurch den Schlackeplatz zumindest partiell einsehen. Verlegte mich dann aber vornehmlich auf die akustische Teilnahme am Ballgeschehen, und was ich da hörte, empfand ich als ungemein angenehm: das trockene Ploppen beim Treten des Balls, die gelegentlichen Rufe der Akteure, das Scharren der Stollen auf dem Geläuf, der ab und an kurz mal aufflammende, aber wenigstimmige Torjubel, das liebliche Tirillieren der Schiripfeife. Ein einziges, geradezu meditativ wirkendes Sonntagsgeräusch war das, und ich beschloss: Nur so und nie mehr anders wollte ich Fußball erleben.

Geisterspiele, ach herrje? Ich freu’ mich drauf.

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