Der Fall Alfred Bauer schadet der Berlinale

DDie Online-Enzyklopädie Wikipedia ist oft nicht nur eine Wissensquelle, sondern auch ein Indikator für Zufälle, sondern auch für Wissens- und Interessenlogiken. Ein gutes Beispiel dafür ist der Beitrag über Alfred Bauer, Direktor der Berlinale von 1951 bis 1976. Es ist erstaunlich kurz. Dies kann dahingehend interpretiert werden, dass ein hochrangiger Filmregisseur in der alten Bundesrepublik nach seinem Tod im Jahr 1986 in den Schatten einer Annale geraten war, die noch immer nur pflichtgemäß behandelt wurde.

Seit gestern ist jedoch klar, dass im Falle von Bauer nicht nur das anonyme Autorenkollektiv aus Wikipedia oberflächliche Informationen verbreitete, sondern dass wesentliche, in der Tat zwingende Untersuchungen zu Bauer niemals durchgeführt wurden. Bis sich ein Mann um den Fall kümmerte, der sich als Hobbyhistoriker für das Kino der 1930er und 1940er Jahre interessierte und auf Akten stieß, die Alfred Bauers Karriere in der NS-Filmindustrie in einem deutlich anderen Licht stellten als bisher bekannt.

Er wandte sich der “Zeit” zu, als gestern die wichtigsten Ergebnisse veröffentlicht wurden. Von 1942 bis 1945 war Bauer kein Angestellter der Ufa, der bedeutendsten deutschen Filmgesellschaft dieser Zeit – so heißt es auf Wikipedia, dies sei auch die offizielle Information, für die die Berlinale seit vielen Jahren geworben habe. Er war Berater der Reichsfilmdirektion, einem der höchsten Beamten der NS-Filmindustrie, der von Goebbels Generalstab geführt und ideologisch instrumentalisiert wurde. Und mit dieser Funktion wäre er nicht betraut worden, wenn die Gauleitung Mainfranken 1942 nicht bescheinigt hätte, dass er eine „makellose politische Einstellung“ habe, die Bauer als „begeisterter SA-Mann“ bezeugte.

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Du hättest es längst wissen können

Du hättest das alles schon lange wissen können, aber es brauchte einen Amateur, um es ans Licht zu bringen. Die Verlegenheit ist groß, Bauers nationalsozialistische Verstrickungen strahlen nicht nur die Frühgeschichte der Berlinale aus, sondern auch ihre eigene Geschichtsschreibung und Tradition. Der Alfred-Bauer-Preis, der seit 1987 jedes Jahr auf dem Festival an einen Film vergeben wird, der “neue Perspektiven in der Filmkunst eröffnet”, wird nun “suspendiert”, wie gestern als erste Reaktion angekündigt wurde. Die Berlinale beabsichtigt zudem, „die Festivalgeschichte mit externer fachlicher Unterstützung zu überprüfen“.

Es wird nicht nur um die Jahre 1942 bis 1945 gehen müssen, sondern mindestens ebenso um die unmittelbaren Nachkriegsjahre, in denen Alfred Bauer es geschafft hat, sich mit seiner Version der Geschichte als sicher zu täuschen und schnell zu wichtigen Funktionen zurückzukehren. Auffallend knapp ist auch der Wikipedia-Eintrag. Es kann auch als bezeichnend angesehen werden, dass Wolfgang Schivelbusch in seinem Standardwerk “Before the Curtain” zu “Das Geistige Berlin 1945-1948” kein Wort über Bauer sagt. Offensichtlich hat eine radikal vereinfachte und verdrehte Titelgeschichte sehr gut funktioniert.

Es war nicht so, dass es keinen Grund für einen Verdacht gab. Der Filmemacher und Regisseur Professor Christoph Hochhäusler berichtet, dass in den letzten Jahren immer wieder über den Alfred-Bauer-Preis gesprochen wurde. Die Bauer-Legende vom Überwintern auf einem unbedeutenden Ufa-Schreibtisch bis 1945 “war immer unplausibel”, sagt Hochhäusler. Und der freie Filmhistoriker Claus Löser, der 2016 einen Text für ein Geschichtsmagazin über „Die Geburt der Berlinale“ verfasste, fand die Aktensituation „ziemlich dicht in den Hinweisen“, dass noch etwas herauszufinden sei.

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Aber niemand ist in die Archive gegangen, was auch ein Hinweis auf einen toten Winkel in der wissenschaftlichen Landschaft ist: Der Fall Bauer ist wahrscheinlich in das Thema Filmgeschichte geraten, das de facto kaum jemand praktiziert, oder wenn ja, in enger Beziehung zu ihnen Institutionen, die eigentlich erforscht werden sollten. Alfred Bauer selbst war übrigens ein Beispiel für die Probleme des Themas mit zwei aus Sammlersicht stark geschriebenen Standardwerken (deutscher Spielfilmalmanach 1929–1950 und 1946–1955).

Der Mythos der Berlinale als Festival der freien Welt ist schwer beschädigt. 1951 war nicht nur ein Neuanfang mit West-Berlin als Tor zur freien Welt, sondern auch eine Ablenkung von personellen und institutionellen Kontinuitäten, die 70 Jahre später und wenige Tage vor der Eröffnung unerwartet zu einer gewaltigen historisch-politischen Herausforderung wurden des Jubiläums Berlin,

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