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Deutsche Galerien befürchten einen starken Umsatzrückgang

München Auf dem Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei, dem Galerienviertel der sächsischen Messestadt, ist es diese Wochen gruselig ruhig. Christian Seyde von der Galerie Kleindienst sprach letzten Mittwoch von absoluter Stille. Nicht nur in den loftartigen Galerieräumen, sondern auch in seinem elektronischen Briefkasten – abgesehen von einer Flut marktschreiender Newsletter. Die Anzahl der Anforderungen ist auf Null gesunken.

März bis Juni – dies ist die Zeit, in der die Galerie immer ihre größten Umsätze erzielt hat. Für April war eine Ausstellung mit neuen Werken von Tilo Baumgärtel geplant. Der Star der sogenannten New Leipzig School ist seit langem international gefragt.

Der Ausfall würde den kleinen Service hart treffen. Die Verschiebung auf den Herbst hat einige Fragezeichen. Der Nimbus der frisch aus dem Studio kommenden Bilder wird dann nicht mehr vollständig erfüllt. Und im September, berichtet Seyde, eröffnet die Eigen + Art Galerie eine Ausstellung mit Neo Rauch. Kein gutes Timing. Kleindienst erwägt seit gestern einen Mai-Termin.

Ein zusätzlicher Schlag traf die Galerie eines Kunden aus den USA. Aus Angst und Unsicherheit über die wirtschaftlichen Folgen der Koronapandemie hat er sich vom Kauf eines 50.000-Euro-Bildes zurückgezogen.

Vor der Krise lief das Geschäft für die Galerie, deren Jahresumsatz knapp eine Million Euro beträgt, sehr gut. Reserven schmelzen aber auch wie Schnee in der Sonne, wenn die Abschaltung zu lange dauert und die wirtschaftliche Erholung nicht eintreten sollte. “Letztes Jahr zu dieser Zeit hätte ich nicht so ruhig dort gesessen”, sagt der Leipziger Galerist.

Aber jetzt hat Seyde keine Wahl. Ganz Deutschland steht still, und die vor einigen Tagen beschlossenen Lockerungsmaßnahmen der Regierung ändern daran wenig. Denn auch wenn die Galerien geöffnet sind, fehlen die Kunden.

Die Anbieter befürchten für 2020 einen Umsatzrückgang von 30 bis 40 Prozent. Für das folgende Jahr erwarten sie einen spürbaren wirtschaftlichen Rückgang, keine Rückkehr zum „Business as usual“, wie eine Rundtischfrage des Handelsblatts bei zahlreichen Galeristen zeigte .

“Nicht alle Galerien werden diese Trockenheit überstehen”, sagt Birgit Maria Sturm, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG).

Wie überall in der Wirtschaft sind kleine Anbieter derzeit besonders gefährdet. Laut einer Umfrage des Vereins erwirtschaften rund 50 Prozent der deutschen Galerien einen Umsatz von nur 50.000 bis 200.000 Euro pro Jahr. 14 Prozent der Unternehmen erwirtschaften einen Umsatz von mehr als 500.000 Euro.

Ähnlich verhält es sich in Frankreich, wo der Verband Comité professionnel des galeries d’art nach Befragung seiner Mitglieder die Schließung von rund einem Drittel aller Galerien infolge der Pandemie prognostizierte.

Annette Schröter “Verschlossene Türen”

Der 2013 geschnittene Silhouette erscheint heute als Symbol für die Sperrung (Detail).

(Foto: Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Kleindienst, Leipzig / VG Bild-Kunst Bonn, 2020)

Was hilft, sind die Rettungspakete der Bundesregierung und der Bundesländer, von denen auch zahlreiche Galerien profitiert haben. Die Galerie Klemm in Berlin erhielt ebenfalls rund 14.000 Euro. Es war wie ein Seufzer der Erleichterung, hilft aber auf lange Sicht nicht mit monatlichen Mietkosten von 6500 Euro.

Die hohen Mieten, insbesondere in den Innenstädten, könnten eine Welle von Insolvenzen innerhalb des mittelständischen Unternehmens auslösen, warnen die Gründer von Lumas, Herausgeber und Vertreiber von Fotoausgaben in großen Mengen.

In einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin forderten Stefanie Harig und Marc Ullrich einen Pakt für Gewerbemieten, in dem die Vermieter auf den größten Teil der Miete verzichten sollten, die Mieter so viel wie möglich zahlen sollten und der Rest aus einem staatlichen Rettungsinstrument hinzugefügt.

Projekte auf Eis gelegt

Sebastian Klemm ist zusammen mit Silvia Bonsiepe der Besitzer der Klemm-Galerie. Der Berliner hat sich auf Unternehmenssammlungen vorbereitet und Verbände wie „PIN.Freunde der Pinakothek der Moderne“ oder institutionell nicht verwandte Initiativen wie „Anfang“ gefördert, um aufgrund der schrumpfenden Wirtschaft weniger zu kaufen. Ihnen fehlt das Geld oder die Gönner.

Für eine Galerie wie Klemm’s, die in diesem Jahr einen Umsatzrückgang von 30 Prozent erwartet und in diesem Jahr einen Umsatz von 700.000 Euro erwartet, bedeutet dies geringere Kosten und Investitionen.

„Dies könnte einige Projekte auf Eis legen“, sagt der Galerist des Handelsblatts. Insbesondere Künstler, die noch nicht den Status einer Marke haben, hätten weniger Chancen.

Warten auf den Abschluss der Sperre

Fast alle Kunstmessen sind noch abgesagt. Einige Frühlingsveranstaltungen wie die Art Cologne oder das Gallery Weekend in Berlin wurden auf den Herbst verschoben.

Silke Thomas, Mitinhaberin der Galerie Thomas in München, ist skeptisch. Von September bis November wäre die Konzentration der Messen zu hoch. „Normalität durch Messen als Kunstmarktplattformen zu etablieren, ist sicherlich gut und wichtig. Aber es wird eine Reihe von Angeboten geben “, sagte der gebürtige Münchner.

Für Galeristen Thomas ist es zu früh, um über das Blutvergießen in den Galerien zu sprechen. Sie erinnert sich an die Finanzkrise von 2008, als die Banken in einer Nacht fielen. „Letztendlich gab es auf dem Kunstmarkt keinen dramatischen Preisverfall. Aber wir haben gesehen, dass Sammler sich an klassische Werte erinnern. ”

Ihre aktuelle Ausstellung passt wie ein Rettungsboot auf stürmischer See: “Munch to Uecker – Meisterwerke von der klassischen Moderne bis zur zeitgenössischen Kunst” wartet auf das Ende der Sperre, die jetzt für Geschäfte bis zu 800 Quadratmetern entsteht und für deren Galerie gilt.

Peter Halley “Inside Game”

Kunst ohne Publikum in der Thomas Galerie in München

(Foto: Galerie Thomas)

Kulturministerin Monika Grütters zeigte sich ebenfalls optimistisch, als sie in einem Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” erklärte: “Die bildorientierte Industrie kann sich im Internet gut präsentieren, das selbst auf dem Visuellen basiert. Der Kauf eines Kunstwerks hängt nicht nur von einem Besuch in der Galerie ab, sondern auch vom Vertrauen zwischen Galeristen, Künstlern und Kunden. “

Die Basis dafür kann nur in kontinuierlicher Galeriearbeit geschaffen werden, wie die Erfahrung von Johannes Sperling zeigt. Mit einem Jahresumsatz von knapp über 100.000 Euro hat die Münchner Galerie Sperling wenig Handlungsspielraum.

Im Februar eröffnete sie die Ausstellung „Adventure Room“ der Performance-, Film- und Installationskünstlerin Anna McCarthy. Der Dialog mit einem kaufinteressierten Sammler wäre ohne eine Vernissage und eine Besichtigungsmöglichkeit vor Ort nicht entstanden.

Sparrow hofft in diesen Zeiten mehr denn je auf Geschäfte. Er macht aber auch deutlich, dass jedes Unternehmen vor der Schließung initiiert wurde. Wenn der Verkauf nicht funktioniert, wäre die teure Ausstellung vergebens gewesen.

Schrumpfende Budgets

Der Kölner Galerist Philipp von Rosen schwankt zwischen Angst und Zuversicht. Am 13. März eröffnete er die Ausstellung „Landscapes of Power“ mit Werken von Yelena Popova. Seitdem hat niemand die Räume betreten. Von Rosens größte Befürchtung ist, dass das Budget für Kunstkäufer aufgrund einer Rezession schrumpfen könnte. “Ich erwarte Kürzungen”, sagt er.

Von Rosen beschäftigt sich derzeit nicht mit den vielzitierten Blue Chips. Die Kunst in seiner Galerie kostet zwischen 1.500 und 80.000 Euro. “Aber ich bleibe meinem Programm auch in schwierigen Zeiten treu, und Videokunst, einer meiner Schwerpunkte, ist nicht gerade einfach zu vermitteln.”

Der Kölner versteht sich als Ausstellungsorganisator, der das kulturelle Leben bereichert. Er hält es für “völlig absurd, dass Verlage und Buchhändler von dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz profitieren, Galeristen jedoch nicht”.

Die BVDG beschreibt auch die Erhöhung der Mehrwertsteuer von sieben auf 19 Prozent für Kunstwaren vor sechs Jahren als Grund dafür, dass zahlreiche Galerien in den letzten Jahren schließen mussten. Der Verband appelliert an die Politik, das Thema angesichts der bevorstehenden EU-Ratspräsidentschaft wieder auf die Tagesordnung zu setzen.

Mehr: Kunstmarktbericht: Der Kunstmarkt steht vor einer ungewissen Zukunft

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