Die "Dracula" -Serie bei Netflix

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DBei Bram Stoker gibt es Fliegenesser: einen armen Hund namens Renfield, der in John Sewards Irrenanstalt vegetiert. Leichte Beute für Vampire. In der neuen "Dracula" -Adaption von Netflix und der BBC steht der erste Satz: "Haben Sie Hunger, Herr Harker?" – zeigt den großen Wandel, der stattgefunden hat. Die ausgemergelte, starrsinnige Gestalt in der Abteizelle ist der altehrwürdige Protagonist des Romans Jonathan Harker (John Heffernan), des umgänglich engagierten britischen Anwalts (und der Langeweile), den der siebenbürgische Adlige zu Ende bringen wollte der Kauf einer Immobilie – und natürlich zwei Fliegen mit einer Klappe, um frisches Blut zu bekommen.

Steven Moffat und Mark Gatiss, die elegantesten Dekonstrukteure des europäischen Fernsehens, die spätestens seit "Sherlock" weltweit bekannt sind, haben die beiden Charaktere brillant miteinander verschmolzen: Jonathan erzählt die furchtlose, überholte, agnostische Schwester Agatha (Dolly Wells), die ein schlauerer Psychologe und Vampirexperte als Nonne aufgrund seiner ziemlich treuen Erfahrungen in Draculas Geisterschloss.

Bekanntlich saugt der rumänische Prinz auch Jugendliche von seinen Opfern. Hier scheint nicht einmal ein Bissen nötig zu sein. Während Dracula, der anfangs an einen aristokratischen, überlieferten alten Hipster erinnert, jünger, hübscher und beredter wird und sich dem wahren Erscheinungsbild des wunderbar dorisch-grauen Schauspielers Claes Bang nähert, wächst Jonathan rasant. Gebrechlich, aber irgendwie entkommend, übernimmt er zunehmend die Rolle von Renfield, Draculas innerlich zerrissenem Subjekt. Moffat und Gatiss haben die Geschichte ebenfalls konsequent weiterentwickelt und neue und alte Motive mit lebhaftem Witz zusammengefügt.

Regisseur Jonny Campbell (die folgenden Folgen sind für Paul McGuigan und Damon Thomas verantwortlich) durfte sich mit den klassischen Horroreffekten austoben. Er lässt Fliegen hinter die Augen kriechen und bittet den Untoten, sie einzulösen. Moffat wiederum hat eine Schwäche für metaphysische Burgen, in denen endlose Labyrinthe versteckt sind. Das entsprechende Design von Draculas "Bigger-on-the-Inside" -Anwesen erinnert sowohl an die etwas übertriebene letzte Episode von "Sherlock", die in einem unwirklich aussehenden Gefängnisbunker spielt, als auch an das Schloss des finsteren "Doctor" Wer "aus dem Meer ragt" Episode "Heaven Sent", die eine eigene Ewigkeit einschließt und so etwas wie das Fegefeuer für "Time Lords" ist.

Diese „Dracula“ ist eine großartige Showoper und gleichzeitig ein postmoderner Kommentar. Das Figurenpersonal sieht trotz seiner historischen Kostüme heute recht modern aus, so dass wir wie wir ein ganzes Jahrhundert Vampirgeschichte in unseren Knochen haben: Naive Angst wäre zu banal. Auch bei Stoker glänzt ein Experte mit seinem Wissen spät, aber bei Netflix – mit Ausnahme von Jonathan, der romantisch in die Geschichte eintaucht – tauchen von Anfang an Kenner auf, die wenig Aufhebens um die übliche Vampirismus-Küchenapotheke (Weihbrot, Holzpfahl, Knoblauchkreuze), auch wenn einige der Mittel aus seltsamen Gründen wirken. Wir hören von einer Infektion, die über Körperflüssigkeiten übertragen wird. Es ist nicht weit von dort diese Vermutung, die Schwester Agatha mit auffallendem Interesse verfolgt: "Hatten Sie Geschlechtsverkehr mit Graf Dracula?"

Die wichtigste Renovierung betrifft den lichtscheuen Lord der Fliegen selbst, den ikonischen getarnten Prinzen der Nacht, der sozusagen aus der Dunkelheit verbannt ist und ein wahrer Held sein kann, tödlich gefährlich, keine Frage, geradezu unheimlich , aber gleichzeitig charmant. Sein kuscheliger osteuropäischer Akzent (erst stark, dann schwach) hilft, der aus der Bedrohung vertrieben wurde. Die Serie entfaltet ihre Magie mit all ihrer visuellen Kraft in den spitzen Dialogen, in denen besonders Schwester Agatha und Dracula, beide Virtuosen des britischen Humors, glänzen: "Du bist ein Monster!" "Und du bist ein Anwalt, niemand ist perfekt." Einige Dinge funktionieren natürlich nur im Original ("Ich wollte dich unbedingt kennenlernen"), aber insgesamt läuft die Synchronisierung gut.

Die Geschichte ist auch offensichtlich gut für die Tatsache, dass die Überbetonung des pornografischen Sexuellen, die definitiv in den Text aufgenommen wurde, nicht zuletzt in den Dreharbeiten von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1992, offen und stilbewusst verschoben wurde auch geschlechtsspezifisch. Wo im Original Antisemitische gucken, verwenden Moffat und Gatiss eleganten Humor: Die Baby-Blut-Szene existiert, aber als Groteske ohne rituellen Mord-Appell. Dieser frech frisierte dreiteilige Anzug „Dracula“ wirkt vielleicht nicht so euphorisch wie die erfinderische Serie „Sherlock“, kann aber kaum gruseliger sein.

Dracula wird ab Samstag auf Netflix verfügbar sein.

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