Eine herbstliche E-Scooter-Fahrt durch Berlin

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SEr heißt Juno, ist Blutorange, ein Elektroroller und laut App zu 100% geladen. Sie wartet in der Pflügerstraße in Berlin-Neukölln auf mich. Es ist sieben Uhr morgens und die Stadt schläft noch. Zwei Müllsammler unterhalten sich in der Hobrechtstraße.

Spatzenschwärme brausen umher und ein paar hochnäsige Schwäne bahnen sich ihren Weg auf dem Landwehrkanal. Ein Hauch von herbstlicher Stadtmelancholie liegt in der Luft. Es riecht nach feuchten Blättern, leicht fauligem Wasser, Hundehaufen und Müll, aber auch nach frischem Brot. In der "Bread Station" am Maybachufer stapeln sich Neuköllns Hipster – möglicherweise auch der beste – goldbraune Brotlaibe in den Regalen und riechen durch die offene Ladentür tief in den Tagesbeginn hinein.

Irgendwo in einem offenen Fenster ist ein Schnarchen zu hören. Neukölln sieht in solchen frühen Morgenstunden sehr ländlich aus. Aber wenn Herr Britzke seinen Zeitungsladen eröffnet und die „New York Times“, den „Corriere della Sera“ und die „Neue Zürcher Zeitung“ ausstellt, wird deutlich, dass das ehemals raue Neukölln auch schick und international geworden ist.

Der ungeschickte Provinzonkel

Und dann ist da noch Juno, erkennbar an der Farbe aus der Ferne. Es sieht viel größer aus als auf den Webseiten. Von diesen Rollern fahren sechshundertsechzig durch Berlin. Sie werden von der Start-up-Firma "Emmy" angemietet. Und das Geschäft boomt. Oder besser: es summt. Juno klingt nach einer gut geölten deutschen Qualitätsnähmaschine. Aber zuerst, das passiert mit der App, wird Juno freigeschaltet. In der Klappe unter dem Sitz befinden sich zwei Helme und der Zündschlüssel. Dann geht es los. Ein paar Tauben flattern und Juno biegt in den Kottbusser Damm ein. Vom Morgentau beschienen, liegt es ruhig und friedlich.

Mit dem kühlen Wind im Gesicht, den links und rechts vorbeigleitenden Gründerzeithausfassaden ist die Reise durch Berlin fast ein filmisches Erlebnis.


Sie können sich in der unübersichtlichen Großstadt so schnell wie ein ungeschickter Onkel aus der Provinz als Nicht-Berliner und Nicht-Einwanderer fühlen. Besonders auf einem Roller. Juno schnurrt mit maximal fünfzig Kilometern pro Stunde durch die Straßen, aber es ist nicht einfach zu kontrollieren, zu blinken, den Rückspiegel im Auge zu behalten und, wenn möglich, auch dem Navigator des Smartphones zu folgen. Vor allem aber ist es schön, so früh morgens durch Berlin zu fahren. Mit der kühlen Luft im Gesicht gleiten die Häuserfassaden im Gründerzeitstil links und rechts vorbei und ein immer hellerer Himmel mit riesigen Wolken, die sich wie Luftschiffe bewegen. Es ist ein fast filmisches Erlebnis und erinnert an Walter Ruttmanns Film "Berlin – Die Symphonie der Großstadt".

Alles hier ist Geschichte

Die Eröffnungssequenzen dieses 1927 uraufgeführten Schwarz-Weiß-Films zeigen eine Stadt, die gerade im dunstigen Morgenlicht aufwacht. Anhalter Bahnhof, die noch menschenleeren Straßen, das Gewirr der Dächer in Berlins heute verschwundener Altstadt, eine auf Kopfsteinpflasterstraßen flatternde Zeitung und das Rote Rathaus, dessen Turmuhr fünf Uhr zeigt. Walter Ruttmanns Film ist nicht nur ein Dokument der Vergangenheit, sondern auch ein historisches. Dieses Vorkriegs-Berlin ist – zumindest macht es den Eindruck an diesem glitzernden Herbstmorgen – vielerorts über alle Katastrophen hinweg noch erkennbar. Die wunderbar poetischen Beschreibungen in Franz Hessels Roman „Spazieren in Berlin“ von 1929, einem Berlin zwischen einer schnell wachsenden Metropole und manchmal fast einer ländlichen preußischen Idylle, sind plötzlich sehr präsent.

. (tagsToTranslate) Walter Ruttmann (t) Emil Tischbein (t) Franz Hessel (t) New York Times (t) Corriere della Sera (t) Neue Zürcher Zeitung (t) Humboldt-Forum

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