In der Tschechischen Republik sind die Preissteigerungen fast die schlimmsten in Europa. Butter sprang um 60 Prozent

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Was Sie in der Analyse lesen werden

  • Innerhalb Europas führen heimische Supermärkte bei der Preissteigerung von Butter, Mehl, Milch und Zucker.
  • Im übrigen Europa verteuern sich Restaurants und Hotels, der Verkauf von Schuhen und Kleidung, Garten- und Heimtierbedarf sowie die Auskunftrmationstechnologie in der Regel nicht. In Tschechien verlangen Händler zehn bis zwanzig Prozent mehr als noch vor einem Jahr.
  • Das Problem hat auch eine psychologische Dimension. Nach den Dänen sorgen sich vor allem die Tschechen vor weiteren Preiserhöhungen. Sie kaufen sich daher in Bestände ein, was es Händlern ermöglicht, hohe Preise festzulegen und zu halten.

Wir machen Einkaufen zum Erlebnis, verkündet das Schild einer der großen Einkaufsketten in Prag. Selten trifft ein Werbeslogan so wörtlich zu. Heute könnte der Tag sein, an dem der Butterpreis die Schwelle von 59,90 Kronen überschreitet. Seit Ende Juli versuchen Händler nach und nach bei mindestens einer Buttermarke den Preis zu testen, der mit einer Sechs am Anfang steht. Dem einen reicht der Preis von 62,90 für den Versuch, der andere wagt vier Kronen mehr für die „Premium“-Butter.

Gleichzeitig verteuerte sich heimische Butter bereits im Juni um 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, am schnellsten in der gesamten Europäischen Union.

Das Abenteuer mit Butter ist da keine Ausnahme. Anfang August hielten die Ketten den Preis für das billigste Brötchen noch bei zwei Kronen und fünfzig Schilling, aber Experten und Vertreter der Lebensmittelkammer bereiten die Kunden in den Medien bereits darauf vor, was sie erwarten können. “Ein Brötchen kann schnell fünf Kronen kosten. Eine solche Preiserhöhung um mehrere zehn Prozent kann kriegsbedingt bald eintreten”, war beispielsweise bei Prima TV zu hören. Gleichzeitig gehört Tschechien auch bei Backwaren zu den vier Ländern, in denen die Preise am schnellsten steigen.

Eurostat behauptet, dass die Inlandspreise nach den drei baltischen Staaten mit der vierthöchsten Rate steigen. Lässt man die importierte Inflation, dh Energie- und Lebensmittelpreise, die am stärksten vom russischen Angriffskrieg in der Ukraine betroffen waren, außer Acht, dann werden wir auch das Baltikum überwinden. Restaurants und Hotels, Verkauf von Schuhen und Kleidung, Garten- und Tierbedarf, Auskunftrmationstechnologie. In diesen Fällen erhöht der größte Teil Europas die Preise nicht, aber die heimischen Händler verlangen im Durchschnitt zehn bis zwanzig Prozent höhere Preise als noch vor einem Jahr.

Die größte Inflation in der EU

Preiswachstum im Jahresvergleich in Prozent

EU 11,9 1. Litauen 28.6 6. CR 19.1
Davon:
Mehl EU 29,9 1. CR 69.7
Butter EU 29,7 1. CR 55.8
Zucker EU 18,0 1. CR 41.1
Milch EU 15,3 1. Litauen 45.6 2. CR 37.4
Schweinefleisch EU 12,1 1. Deutschland 21.5 2. CR 19.6
Schokolade EU 3,4 1. Lettland 16.4 3. CR 11.0
Geflügel EU 20,0 1. Ungarn 37.1 4. CR 32.8
Brot EU 15,9 1. Bulgarien 46.5 4. CR 28.7

Quelle: Eurostat, Juni 2022

Geschäftsleute erklären höhere Preise für gängige Konsumgüter und Dienstleistungen mit der Notwendigkeit, stark steigende Energierechnungen zu bezahlen, aber laut Experten ist dies keine ausreichende Erklärung. „Die Abweichung ist so groß, dass sie nicht durch außergewöhnliche Kostenverhältnisse zu rechtfertigen ist“, sagt Josef Vlášek vom Tschechischen Statistikamt. Ihm zufolge versuchen einige Unternehmen, Verluste durch Schließungen während der Covid-Pandemie auszugleichen. „In den Kneipen liegt die Besucherzahl heute bei 70 bis 90 Prozent der Prä-Covid-Zeit. So versuchen die Verkäufe, die Preise einzuholen“, erklärt der Statistiker.

Das bestätigt auch der Chefvolkswirt der Creditas-Bank Petr Dufek. „Die vorherrschende Meinung war, dass die Menschen während der quantitativen Lockerung in Zeiten von Covid große Einlagen aufgebaut hatten und diese deshalb ausgeben würden. So sind die Preise gestiegen“, sagte er über die Restaurants. Der Analyst fügt jedoch hinzu, dass die Strategie nicht ganz aufgegangen sei, weil die Leute anfingen, angesichts der Preise bei Dienstleistungen zu sparen.

Ketten drängen nicht mehr auf einen niedrigen Preis

Die größte Besonderheit des heimischen Marktes sind die hohen Preise für Kleidung. „Kunden bestätigen immer noch ihren sozialen Status durch den Kauf von Kleidung, weshalb Markenartikel bei uns schon immer teurer waren. Das gilt auch heute noch“, erklärt Petr Dufek.

Das Hauptproblem sind jedoch die Lebensmittelpreise. Sie wachsen im Durchschnitt mit der sechstschnellsten Rate in Europa, während einige Waren wie Fisch oder Erfrischungsgetränke mehr oder weniger auf Vorkrisenpreisen bleiben. Andererseits sind heimische Supermärkte nicht nur bei der bereits erwähnten Butter, sondern auch bei Mehl, Milch und Zucker Preistreiber. In keinem dieser Fälle ist der Mangel an Rohstoffen schuld, denn das Geschäft der heimischen Bauern und Lebensmittelproduzenten basiert auf dem Export von Getreide oder der Produktion von Kühen und Zuckermühlen. „Das Problem ist, dass die tschechischen Erzeuger für den Preis, den die Importeure im Ausland zahlen, Getreide und Milch auch auf dem heimischen Markt verkaufen“, betont Josef Vlášek. Die Preissteigerung im Ausland wird somit sofort auf die Tschechische Republik übertragen.

Der erfahrene Statistiker beobachtete auch, dass Supermärkte ihre Lebensmittelstrategie geändert haben. „Früher haben die Handelsketten die Lieferanten unter Druck gesetzt, die Preise nicht zu erhöhen, aber das hat zum Jahreswechsel aufgehört und jetzt reagieren sie auf die Forderungen der verarbeitenden Industrie“, beschrieb Josef Vlášek die neue Situation.

Die größte Inflation in der EU

Preiswachstum im Jahresvergleich in Prozent

Völlig frei von Energie, Nahrung, Tabak und Alkohol

EU 4,6 1. CR 12.8
Restaurants und Hotels EU 9,0 1. CR 23.7
Schuhe und Kleidung EU 1,6 1. CR 19.7
Garten und Tiere EU 6,1 1. CR 17.0
Auskunftrmationstechnologie EU 1,3 1. CR 12.3
Gesundheitspflege EU 2,3 1. CR 8.6
Schmuck EU 6,6 1. Ungarn 17.3 2. CR 16.0
Körperpflege EU 4,6 1. Ungarn 12.9 2. CR 10.9
Mobiltelefone EU 2,6 1. Finnland 15.7 3. CR 9.7
Baumaterial EU 11,2 1. Ungarn 31.4 4. CR 21.3
Automobile EU 8,2 1. Estland 17.8 4. CR 14.6

Quelle: Eurostat, Juni 2022

Das bestätigt auch Analyst Dufek. „Der Wettbewerb funktioniert hier auf interessante Weise. Die Kette konkurriert nicht damit, wer die billigste Ware anbietet, sondern mit der Inflation, die sie sich leisten können“, vergleicht er die heimischen Verhältnisse mit Deutschland.

Setzen Sie auf Schnaps

Inflationsängste breiten sich jedoch in ganz Europa aus, wie die Juli-Daten von Eurostat bestätigen, denen zufolge sich die Stimmung von Unternehmern und Verbrauchern den fünften Monat in Folge verschlechtert hat. Die Depression von Politikern, die damit nicht umzugehen wissen, hat der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer am besten zum Ausdruck gebracht. „Wenn wir alles so machen wie bisher, dann gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: Alkohol oder Psychopharmaka“, erklärte er Mitte Juli beim Parteitag der Tiroler Volkspartei.

Tatsächlich machte die Bundeskanzlerin auf die Paradoxien inflationärer Zeiten aufmerksam, denn gerade hochprozentiger Alkohol gehört zu den wenigen Handelsgütern, die in Österreich billiger werden. Dennoch erregte der zynische Subtext seiner Äußerung eine solche Empörung, dass die Unterstützung der Volkspartei auf zwanzig Prozent, also auf den niedrigsten historischen Stand, absank. Wenn auch die tschechischen Regierungsparteien mit dem gleichen Unmutsausbruch konfrontiert werden, dann wird die Schlüsselfrage für die tschechische Politik noch vor den Wahlen im Herbst gestellt.

Nur die Dänen haben mehr Angst vor Preiserhöhungen

Laut Eurostat war die Angst der Tschechen vor steigenden Preisen im Juli nach den Dänen die zweitgrößte. Dies wird durch die MINT-Umfrage vom Juni bestätigt. 80 Prozent der Bürger haben ihren Konsum reduziert und zwei Drittel befürchten, dass ihre Familie in die Armut abrutscht. Nur 18 Prozent der Tschechen erwarten eine Verbesserung im nächsten Jahr.

Die Preise steigen an allen Fronten

Auch das Surfen wird teurer.

Auch deshalb ist der Ökonom Dufek überzeugt, dass die heimische Inflation zu einer Frage der Sozialpsychologie wird und psychologische Gründe erklären, warum sie nach Abzug von Energie und Nahrung die höchste auf dem alten Kontinent ist. Die Menschen verfallen der Befürchtung, dass die Preise noch weiter steigen, sie „tanken“ Vorräte an Nahrungsmitteln und Industriegütern auf. „Bedenken sorgen somit für zusätzliche Nachfrage, auf die Händler mit weiteren Preiserhöhungen bei einigen Rohstoffen reagieren“, warnt der Analyst, demzufolge die aus dem fehlenden Management des vorherigen Regimes bekannte Praxis der Vorbestellung zurückkehrt. In einem Umfeld, in dem der Staat aufgehört hat, die Preise zu regulieren, wecken alte Gewohnheiten eine neue Gefahr, nämlich eine Inflationsspirale, die möglicherweise auch dann nicht stoppt, wenn Waren im Überfluss vorhanden sind.

Die größte Inflation in der EU

Preiswachstum im Jahresvergleich in Prozent

In Summe EU 9,6 1. Estland 22.0 4. CR 16.6
Energie EU 41,8 1. Estland 108.7 14. CR 36.2
Treibstoff EU 39,2 1. Litauen 64.2 11. CR 47.8
Tabak EU 3,2 1. Dänemark 10.3 2. CR 8.5
Alkoholische Getränke EU 5,1 1. Litauen 11.2 21. CR 2.9

Quelle: Eurostat, Juni 2022

Die deutsche Inflation liegt seit März zwischen sieben und acht Prozent. Dies veranlasste den Leiter des ifo Instituts, Clemens Fuest, zu der Prognose, dass die Preissteigerungen in den Nachbarländern ihren Zenit überschritten haben. Im Falle Tschechiens schließen lokale Experten dies bereits aus, weil die Energiepreise noch nicht geladen sind.

Benzin und Diesel steigen im Preis um fast die Hälfte, am elftschnellsten in Europa. Dies ist jedoch der Senkung der Verbrauchssteuern zu verdanken, die im September endet. Laut CZSO-Daten steigen die Strom- und Gaspreise „nur“ um ein Drittel, aber nur, weil die von den Lieferanten angekündigten Preiserhöhungen schrittweise bis Ende des Jahres widergespiegelt werden, wenn einzelne Kunden ihre Fixierungen beenden. Die optimistische Prognose lautet daher, dass die Inflation in diesem Jahr im Korridor von 17 bis 20 Prozent bleiben wird.

„Nehammers Trost“ bleibt. Auch harter Alkohol wird hierzulande um weniger als drei Prozent teurer.

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