Louise Erdrichs Roman “Die Wunder von Little No Horse”

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LOuise Erdrich hat zwei Themen, die sich wie zwei verschlungene Fäden durch ihre literarische Arbeit ziehen. Beide haben mit ihrer Biografie zu tun, denn die 65-jährige mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, die heute in Minneapolis lebt und dort eine Buchhandlung betreibt, stammt sowohl von deutschen Auswanderern als auch von Chippewa ab. Erdrichs Großvater mütterlicherseits war der Chef der Turtle Mountain Band. Der Vater ihres Vaters wiederum war ein schwäbischer Metzger, der 1922 mit einer Handvoll Wurstrezepten auf abenteuerlichen Wegen nach North Dakota kam.

Die biografische Lüge

Sandra Kegel

Sandra Kegel

Verantwortlicher Redakteur für den Bereich Features.

Erdrich errichtete diesem Ludwig im Jahr 2001 ein fünfhundertseitiges Denkmal in “The Master Butchers Singing Club”, das gerade unter dem Titel “The Club of Singing Butchers” opulent für das deutsche Fernsehen gedreht wurde. Außerdem erschien Erdrichs großer Roman “Der letzte Bericht über die Wunder des Pferdes”, der von Gesine Schröder übersetzt wurde, erstmalig in deutscher Sprache – achtzehn Jahre später. Es ist die autofiktive, oft gespiegelte Geschichte des imaginären Indianerreservats Little No Horse, auf das die Autorin, die selbst in einem Reservat aufgewachsen ist, in anderen Büchern immer wieder zurückkommt.

Der Stammbaum, der dem Roman vorausgeht, erweist sich schon bald nach der Lektüre als hilfreich, da die Verflechtungen innerhalb der verzweigten Familien Kashpaw, Morrissey und Mauser sowie die verschiedenen Nebenlinien so vielfältig sind, dass man leicht den Überblick verliert. Im Zentrum all dieser oft tragischen, manchmal auch komischen Mikroerzählungen steht jedoch die Begegnung fremder Kulturen und Religionen. Der Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern ist der unausgesprochene traumatische Untergrund von “The Miracles of Little No Horse”.

Alles beginnt mit Agnes DeWitt, einer jungen Frau, die zunächst als Nonne in einem Kloster lebt, bevor sie bei einem Bauern, der bald stirbt, eine Gefährtin findet. Infolge der Ereignisse nimmt die trauernde Agnes eine neue Identität an, die Identität eines Mannes. Dies geschieht zunächst ohne jede Absicht, eher von einem unabwägbaren Moment an, an dem sie auf die Soutane des verstorbenen Priesters Pater Damien schlüpft, der auf dem Weg zu seinem neuen Job als Missionar in “Little No Horse” war. Stattdessen kommt die verkleidete Agnes dort an, und die Frau, die nur lebensmüde ist, findet ihr Schicksal in dieser Runde, die sie von nun an als biografische Lüge verstehen wird.

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