Merkels Neujahrsrede – Politik – SZ.de.

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Seit 2005 war der letzte Arbeitstag vor Silvester für die Berliner Zeitungsjournalisten immer ein professioneller Nervenkitzel: die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin. Bei allem Respekt geht es in der Aufregung weniger um den Inhalt der Rede als um die Frage, wann das Manuskript vom Bundespresseamt ​​per E-Mail verschickt wird, und um das Verhältnis zwischen diesem Zeitpunkt und dem Redaktionsschluss für die jeweilige Zeitung. Angela Merkel legt großen Wert darauf, ihre Rede erst dann aufzuzeichnen, wenn die Dunkelheit über Berlin und der beleuchtete Weihnachtsbaum vor dem Bundestag dem Hintergrundbild ihres Auftritts einen festlichen Charakter verleihen. Sie verschiebt den Text erst, wenn sie ihn korrekt vom Teleprompter gelesen und in die Kamera eingelesen hat, während sie ihn von der Öffentlichkeit ausschließt.

Bis dahin war es ein Staatsgeheimnis. Der Sonnenuntergang wurde in der Hauptstadt für ca. 30 Uhr erwartet. am 30. Dezember 2019, der als Beginn der Morgendämmerung gilt. Allerdings konnte niemand genau vorhersagen, wann es für Merkel in diesem Jahr dunkel genug sein würde. Aber im Jahr 2019 war die Unvermeidlichkeit des Augenblicks einerseits und seine konkrete Unvorhersehbarkeit andererseits ein politisches Symbol für das Ende von Merkels Regierungszeit: Sie wissen, dass es definitiv passieren wird – nur nicht wann genau. Mit der Dämmerung der Kanzlerin scheint es, dass je länger es beschrieben wird, desto länger dauert es. Gleichzeitig ist nicht auszuschließen, dass Merkel plötzlich ihren vorzeitigen Abgang ankündigt, wenn niemand damit rechnet.

Politik CDU Als Merkel es wagte, sich von den Alten zu verabschieden

Als Merkel es wagte, sich von den Alten zu verabschieden

Vor 20 Jahren beendete die damalige CDU-Generalsekretärin die Ära von Helmut Kohl – mit einem Brief, der ihre eigene Karriere hätte besiegeln können.Von Stefan Braun


Die E-Mail mit dem Text kam rechtzeitig, das letzte Abendlicht hing noch über Berlin. Merkel appelliert an die Bürgerinnen und Bürger, aus den Erfahrungen der 30-jährigen deutschen Einheit selbstbewusst in das neue Jahrzehnt zu blicken. Es könnte ein gutes Jahr werden, "wenn wir unsere Stärken nutzen, wenn wir uns auf das verlassen, was uns verbindet." Antworten auf den digitalen Wandel, insbesondere in der Arbeitswelt, werden benötigt, alle Menschen sollten "Zugang zu der Bildung haben, die sie für diesen Wandel benötigen". Gleichzeitig soll im digitalen Zeitalter "Technologie den Menschen dienen – und nicht umgekehrt".

Merkel legt besonderen Wert auf den Klimawandel. Es braucht "die Bereitschaft, Neues auszuprobieren und die Entschlossenheit, schneller zu handeln". Die Erwärmung der Erde ist real. Es ist bedrohlich. Die daraus resultierenden Krisen "sind vom Menschen geschaffen. Wir müssen also alles Menschenmögliche tun, um dieser menschlichen Herausforderung zu begegnen. Es ist immer noch möglich." Mit 65 Jahren war sie selbst in einem Alter, "in dem ich persönlich nicht mehr alle Folgen des Klimawandels erleben würde, die eintreten würden, wenn die Politik nicht handeln würde". Es sind die Kinder und Enkelkinder, die mit den Konsequenzen leben müssen, "was wir heute tun oder unterlassen".

Merkel legt einen zweiten Schwerpunkt auf die Europäische Union. Nur in der EU "können wir unsere Werte und Interessen wahren und Frieden, Freiheit und Wohlstand gewährleisten". Europa musste seine Stimme mehr in die Welt bringen. Deutschland will dazu beitragen, wenn es in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 die Präsidentschaft innehat, zum Beispiel mit einem EU-China-Gipfel, einem Treffen mit afrikanischen Ländern – und mit Merkel als Kanzlerin, wie im Subtext.

Es ist Merkels fünfzehnte Neujahrsansprache. Nach dem Wahlsieg bei den Bundestagswahlen 2017, der mit erheblichen Stimmenverlusten der Union einherging, und den gescheiterten Verhandlungen für eine Jamaika-Koalition saß sie an Silvester nur als geschäftsführende Kanzlerin mit ungewisser Zukunft vor der Kamera. 2018 gab sie den CDU-Vorsitz auf und kündigte an, nach den nächsten Wahlen kein politisches Amt mehr anzustreben. In einer Rede vor einem Jahr sagte sie: "Demokratie braucht Veränderung, und wir sind alle pünktlich." Damals vermuteten etliche, dass der Übergang nun an Fahrt gewinnen würde. Eine frühe Veränderung hat jedoch zunächst ihre Anziehungskraft auf potenzielle Profiteure verloren. Und manchmal scheint es, als ob Merkel nicht mehr in der Zeit steht, sondern weiterarbeitet, sondern die Zeit steht.

Diese Kanzlerin vervollständigt die aktuelle Neujahrsansprache mit hohen Beliebtheitswerten. Keiner der möglichen Nachfolger in der Union kann mit seiner Popularität mithalten. Selbst unter Merkel-Skeptikern auf beiden Seiten der Union ist nach Ansicht des Personals mitunter zu hören, dass sie noch fehlen werden. Das Ganze bedeutet aber auch, dass es eine beeindruckende Zahl von Menschen gibt, die es kaum erwarten können, dass Merkel in den Ruhestand geht. Beide Gruppen finden Material für ihre Position in der Neujahrsrede.

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Heute ist Merkel an 5144 Tagen Regierungschefin – einen Tag länger als Adenauer. Die Macht, die die Deutschen am wenigsten vermuten, ist die Macht der Gewohnheit.Kommentar von Nico Fried


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