– Scheiße, jetzt bist du fertig – VG

SCHUSSVERLETZUNG: Najeb Eshaq gehörte zu den glücklicheren Opfern der Schießerei im Einkaufszentrum Field in Kopenhagen.

KOPENHAGEN (VG) Najeb Eshaq (45) ging mit seiner Tochter ins Kino, als er Schüsse hörte. Als er sich umdrehte, stand er einem bewaffneten Mann gegenüber.

Veröffentlicht:

Der Familienvater hatte die Tochter (12) gerade gefragt, ob sie Matsch oder Wasser für den Film wolle, also wurde es eng.

Zuerst dachte Najeb, das Geräusch käme von einem explodierten Autoreifen vor dem Einkaufszentrum. Als es wieder zuschlug, wurde ihm klar, dass etwas ernsthaft nicht stimmte.

Er drehte sich um und blickte direkt in eine Waffe. Der Mann, der direkt auf ihn zielte, war etwa drei Meter entfernt.

– Ich dachte, Scheiße, jetzt bist du fertig, sagt Najeb zu VG.

Er hatte keine Zeit weiter nachzudenken, bis ihn ein Hauch von Schießpulver roch und alles schwarz wurde.

Habe die Tochter nicht gefunden

Die Schießerei im Einkaufszentrum von Field auf der Insel Amager, südöstlich von Kopenhagen, war laut Danmarks Radio Nyheder, das als erster die Geschichte teilte, einer der schlimmsten in der modernen dänischen Geschichte Najeb.

Drei Menschen – zwei 17-Jährige und ein 47-jähriger Mann – wurden getötet. Vier weitere erlitten schwere Schussverletzungen. Najeb und zwei weitere wurden durch Schüsse leicht verletzt. Weitere 20 Menschen wurden in dem darauffolgenden Chaos verletzt.

Najeb geht davon aus, dass er etwa 30 Sekunden lang bewusstlos geschlagen wurde. Als er wieder zu sich kam, habe er eine Person in einer Blutlache auf dem Bauch liegen sehen, sagt er.

Seine Tochter war weg. Immer und immer wieder rief er ihren Namen, während er versuchte festzustellen, wie schwer er verletzt war.

ÜBERLEBT: Najebs rechte Schulter schmerzt immer noch und erinnert an die Albtraumnacht im Einkaufszentrum, in der er dachte, er würde sterben. Zu Hause haben sie alle Alarme eingeschaltet, um sich sicherer zu fühlen, sagt er VG.

Panisch kroch er mit Hilfe seines gesunden Arms über den Boden. Er floh nach Ausbruch des Bürgerkriegs 1992 aus Afghanistan. Jetzt, fast 30 Jahre später, fühlte es sich an, als hätte ihn der Krieg zurückgeholt.

siehe auch  TRAININGSLAGER MIT DEN DETROIT LIONS

– Aber damals hat niemand wie jetzt auf mich gezielt, sagt er.

Najeb verlor seine beiden Eltern im afghanischen Bürgerkrieg. Die ganze Familie wurde geteilt und er fand seine Geschwister erst viele Jahre später wieder. Jetzt, im sicheren Dänemark, fürchtete er, auch seine Tochter zu verlieren.

Ein 13 Minuten langer Alptraum

Dann entdeckte er den 12-Jährigen mit seiner Frau am Notausgang zum Zentrum. Er näherte sich ihnen, nahm seine Tochter bei der Hand und rannte die Treppe hinunter.

Seine Frau habe vor Kinostart auf die Toilette gehen wollen und sei deshalb nicht bei Najeb und der Tochter gewesen, als die ersten Schüsse fielen. Najeb sagt, die Frau habe den Mann mit einer Waffe in der Toilette gesehen und zunächst gedacht, es handele sich um eine Spielzeugwaffe.

Als sie ihn schießen sah, rannte sie zum Notausgang, bevor sie merkte, dass sie die Familie verlassen hatte, und schnaubte.

– Sie hat unsere Tochter gefunden. Sie hat mich am Boden gesehen, ist aber nicht reingekommen, weil der Mann da war, sagt Najeb.

DAS BALLLOCH: Die Kugel ging direkt durch Najebs Pullover und das Fleisch an seiner Schulter.

Der Albtraum bei Field dauerte 13 Minuten.

Die Polizei erhielt um 17.35 Uhr die erste Meldung über einen Schuss und nahm um 17.43 Uhr einen 22-jährigen Dänen an der Autobahn vor dem Einkaufszentrum fest.

Augenzeugen haben zuvor beschrieben wie sie sich in Läden, Hinterzimmern und Restaurants versteckten, während an mehreren Stellen im Einkaufszentrum Schüsse fielen.

Dem 22-Jährigen werden drei Morde und sieben Mordversuche zur Last gelegt. Wie er auf den Vorwurf reagieren wird, ist unklar. Montag blieb er 24 Tage Untersuchungshaft in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Sein Geisteszustand muss beurteilt werden.

siehe auch  von Blockade bis 48 Stunden Blitz

Nachbarn, die 16 Jahre lang neben der Familie des Angeklagten lebten sagte VG dass der 22-Jährige während seiner gesamten Kindheit mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte.

Nur wenige Stunden vor der Schießerei rief er demnach eine Hotline für akute psychische Probleme an Dänemarks Radio. Aber die Telefonleitung war geschlossen, da es Sonntagnachmittag war.

Das dänische Gesundheitsministerium hat eine Überprüfung angefordert des Kontakts des Angeklagten mit der Psychiatrie.

Auch Mahdi Al-Wazni war im Einkaufszentrum und kam dem Täter nahe:

– Wird nie zurückkehren

– Manchmal denke ich, dass der Mensch das grausamste Geschöpf auf dem Planeten ist, sagt Najeb am Mittwoch zu VG nach einer Kontrolle im Forensic Medicine Institute in Kopenhagen.

Sein Gesicht ist zerrissen und müde. Die Polizei verbot die Namen der Opfer ohne deren Zustimmung. Als einziger der Schussverletzten, der gesprochen hat, war der Druck der Medien auf Najeb und seine Familie himmelhoch.

– Es war tragisch. Ich kann immer noch nicht verstehen, dass so etwas hier in Dänemark passieren kann, sagt Najeb.

– Wir Menschen haben es verdient zu leben. Wir verdienen es nicht, von irgendjemandem erschossen oder getötet zu werden. Wir haben das Recht zu leben.

Er musste etwas mehr als eine Stunde fahren, um zur Kontrolle zu gelangen. Die Schusswunde ist nicht so tief, aber sein Arm schmerzt und er benutzte beim Hineinfahren seine frische linke Hand am Lenkrad. Nach der Kontrolle wollte er nur so schnell wie möglich nach Hause zu seiner Familie.

– Normalerweise fahren wir jeden Sonntag nach Kopenhagen, sagt er.

Sonntags hält er sein Geschäft geschlossen und nimmt sich frei. Dann ist Familienzeit und die Familie fährt meist in die Hauptstadt, um ins Café oder ins Kino zu gehen. Sie waren oft in Fields Einkaufszentrum, aber jetzt ist es vorbei, sagt Najeb.

– Ich werde nie wieder nach Kopenhagen zurückkehren.

Newsletter

Leave a Reply

Your email address will not be published.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.