Serie: The Loyal – Wie ein Skispringer ohne Skisport

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Michael Spatz spielte elf Jahre in der Handball-Bundesliga, die meiste Zeit im TV Großwallstadt. Er ist nach dem Abstieg geblieben – weil er hier gefunden hat, wonach er gesucht hat.

Wechsel sind ein wesentlicher Bestandteil des Sports. Sie finden mittlerweile in vielen Branchen in immer kürzeren Abständen statt und sind mit immer höheren Geldbeträgen verbunden. Es gibt aber auch solche, die Abwechslung und Spannung in der Ausdauer finden. In dieser Serie erzählt die SZ von ungewöhnlich langen Beziehungen zwischen Menschen und Vereinen.

Vor ein paar Wochen war einer dieser seltenen Momente. Michael Spatz besuchte Silvio Heinevetter und Michael Müller in Berlin, zwei Freunde aus früheren Tagen, die wie er in die Jahre gekommen sind, aber immer noch in den großen Hallen des Landes spielen. Die Füchse trafen den Rhein-Neckar-Löwen in der Handball-Bundesliga, einem festlichen Tag in der Max-Schmeling-Halle. Spatz berichtet von einer beeindruckenden Ankunft der Mannschaften, begleitet von schießenden Flammen und ohrenbetäubendem Lärm, neuntausend Menschen waren gekommen.

Im Grunde ist er mit sich selbst in Frieden, sagt Spatz. Er macht sich keine Sorgen um das Was-wäre-wenn, er lebt nicht im Konjunktiv und ist auch nicht traurig, wenn er an die Tage denkt, als er vor neuntausend Leuten spielte. "Aber in Berlin", sagt der 37-Jährige, "gab es einen solchen Moment, dass ich gerne wieder auf der Platte gewesen wäre."

Das ist seine Geschichte, darum geht es ihm als Sportler: Die Frage, warum Spatz, der ehemalige Nationalspieler, schon lange in den großen Hallen des Landes zuschaut – und nicht mehr spielt diese Stufen selbst, obwohl er das noch getan haben könnte.

Es ist ein regnerischer Dienstagnachmittag in Aschaffenburg. Spatz sitzt in einem Restaurant in Bahnhofsnähe mit dunkelblauem Pullover und mehrtägigem Bart und erzählt von seiner Karriere und dem TV Großwallstadt. Es sollte auch ein Gespräch über die dritte Liga und die Frage geben: Warum macht er das alles noch?

Spatz hat zwölf Mal für die deutsche Nationalmannschaft gespielt, elf Jahre in der Handball-Bundesliga, zunächst für den VfL Gummersbach, ab 2007 für den TV Großwallstadt, später für den TVB Stuttgart – und seit 2016 erneut für Großwallstadt. In der Zwischenzeit befindet sich Spatz als Handballspieler auf den letzten Metern, scheint aber nicht so zu sein, als würde er sich Erinnerungen an die Vergangenheit hingeben oder ständig an die Zeit seines Karriereendes denken. Er hat nichts von einem Geschichtenerzähler über sich, nichts von gestern. Spatz ist ein beredter Mann, deshalb ist es leicht zu verstehen, wenn er alles erklärt: Was ist anders in der Bundesliga als in der dritten Liga, was schätzt er auch bei der TVG in dieser Liga und wie großwallstadt für ihn, der in Mannheim geboren wurde ist mittlerweile zu hause geworden. "In Gummersbach", sagt Spatz, "waren die anderen Spieler – um es ganz klar auszudrücken – Arbeitskollegen. In Großwallstadt ist es ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir sind Freunde dort."

Und genau das veranlasste ihn, der TVG treu zu bleiben, als der Verein vor sechs Monaten abstieg. Spatz war der erfolgreichste Torschütze in der zweiten Liga, er hatte bewiesen, dass noch viel in ihm war. Eigentlich genug, um nicht mehr in den kleinen Hallen spielen zu müssen. Spatz lehnte jedoch alle Anfragen anderer Vereine ab, noch bevor er sich mit ihnen befasst hatte, und blieb erneut in Großwallstadt. Nach dieser Saison wird er zwölf Jahre bei TVG spielen, mit nur einer Saisonpause.

In Großwallstadt hat Spatz gefunden, was er am meisten vermissen wird, wenn er eines Tages mit dem professionellen Handball aufbricht. Nicht diese Aufmerksamkeit, wie man sie nur in der Bundesliga erlebt, nicht diese Atmosphäre, wie sie in Berlin, Kiel oder Flensburg entsteht – es ist das Gefühl, mit den anderen Spielern zusammen zu sein, die Atmosphäre in der Kabine und vor allem: die sich wie zu Hause fühlen. Manchmal, sagt Spatz, lassen sich seine Teamkollegen erziehen, weil er zumindest für einen Handballer bereits im Ruhestand ist. Dann nennen sie ihn Opi oder geben ihm einen Zettel, auf dem steht, worüber er mit ihnen sprechen kann: Netflix, Fortnite, solche Dinge. Spatz lächelt normalerweise, wie er es jetzt im Restaurant Aschaffenburg tut. Er weiß, dass es viel einfacher ist, wenn Sie sich nicht so ernst nehmen.

Spatz rudert jetzt mit den Armen. Er will erklären, wie er es macht: Vor einem Spiel den Minderjährigen ignorieren, die Sinne schärfen und in Nieder-Roden, in Nußloch und in Gelnhausen mit der gleichen Konzentration wie zuvor in Berlin, Kiel und Flensburg das Feld betreten. Spatz sagt: "Ich versuche mich in die Situation in der Kabine zu versetzen, um diese Spannung selbst zu erzeugen." Er geht den Prozess immer wieder durch: wie es auf der rechten Seite angedeutet wird, wie es zum Kreis geht, wie es springt, wie es dem Torwart Aufmerksamkeit schenkt, wie es wirft. "Bevor ich in die Halle gehe", sagt Spatz, "muss ich zwanzig oder dreißig Mal den Kopf auf das Tor geworfen haben. Ich stelle mir diesen Vorgang vor – ähnlich wie Skispringer ihn machen."

Spatz ist jetzt im Spätherbst seiner Karriere, sein Ende ist nahe, das weiß er. Spatz überspringt schon morgens die Trainingseinheiten und irgendwann ist er nicht mehr auf dem Rekord. Er wird dann nur noch auf den Tribünen sitzen und die anderen beobachten. Wenn es soweit ist, wird Spatz wahrscheinlich etwas fehlen: ein Stück Heimat.

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