Was regelmäßig schiefgeht (Tageszeitung junge Welt)

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Valeria Witters/Witters/Pool via xim.gs

Vorgezeichnetes Schicksal: HSV-Keeper Julian Pollersbeck am Montag beim Kassieren des 2:2

Ein bisschen Regelkunde: »Kein Abseitsvergehen liegt vor«, sagt das Regelwerk des DFB unter Punkt 11, Abseits, Unterpunkt 3, »wenn ein Spieler den Ball direkt nach folgenden Spielsituationen erhält: Abstoß, Einwurf, Eckball«. Verkürzt könnte die Regel also ungefähr lauten: Es gibt kein Abseits nach einer Ecke! Nun hatte der Hamburger Bakery Jatta in der 16. Minute des Zweitligaspiels gegen Holstein Kiel am Montag beim Stand von 0:1 den Ball aber gar nicht erhalten. Er stand dem Kieler Keeper einfach nur im Weg, und da greift Unterpunkt zwei der besagten Regel: »Ein Spieler, der sich zum Zeitpunkt, in dem ein Mitspieler den Ball spielt oder berührt, in einer Abseitsstellung befindet, wird nur bestraft, wenn er aktiv am Spiel teilnimmt, indem er durch Spielen oder Berühren des Balls, den zuletzt ein Mitspieler gespielt oder berührt hat, ins Spiel eingreift oder einen Gegner beeinflusst, indem er diesen daran hindert, den Ball zu spielen oder spielen zu können, indem er ihm eindeutig die Sicht versperrt«.

Tja, so war es dann wohl. Der Videoschiedsrichter in Köln war sich einig mit Schiedsrichter Bastian Dankert, der eine sehr unglückliche Figur abgab an diesem Abend: kein Tor. Rick van Drongelens Kopfballtreffer zum vermeintlichen Ausgleich wurde annulliert. Und damit war das Schicksal des HSV im Prinzip vorgezeichnet. Gegen tapfere, aber biedere Kieler reichte es nach vielem Hin und Her, einem geschenkten Elfmeter und zwei leichtsinnig hergeschenkten Führungen am Ende nur zu einem 3:3 inklusive Ausgleich in allerletzter Sekunde. Letzteres kennt man in Hamburg schon zur Genüge. Allein in den vergangenen Spielen gab man in den letzten Sekunden einen Sieg in Fürth (am Ende 2:2) und einen Punkt in Stuttgart (2:3 nach 2:0-Pausenführung) her. Die Serie sei »wahrscheinlich etwas für den Psychologen«, meinte der konsternierte HSV-Trainer Dieter Hecking am Montag.

Es ist nicht alles bloß Pech beim früheren Bundesliga-Dino. Es schwingt gehöriges Unvermögen mit. Gegen Holstein Kiel bemühte man sich, die Fehler von Fürth und Stuttgart zu vermeiden: Konter wurden unterbunden, die Arbeit nach hinten verstärkt. Zumindest in Umschaltsituationen funktionierte das. Doch wieder einmal ließen Rick van Drongelen und besonders Abwehrkollege Timo Letschert in entscheidenden Situationen defensives Können vermissen, was besonders beim 3:3 ins Auge fiel. Der einerseits aufgeschwemmte, andererseits unausgewogene Kader der Hamburger ist in diesen Positionen zu schwach besetzt.

Aber das ist nicht alles. Mit Joel Pohjanpalo hat der HSV zwar einen Strafraumstürmer, der Kopfball kann. Dafür aber irrlichtert Jatta viel zu oft durch die Gegend und Aaron Hunt lahmt wie ein altes Pferd. Sonny Kittel fehlt das Selbstbewusstsein, Adrian Fein die Entschlossenheit. Dazu hapert es an Raumverständnis – niemand läuft in die Räume, die sich anbieten; Pässe landen zu oft in zugestellten Bereichen. Bei dieser Spielanlage können selbst streng limitierte Truppen wie Fürth, Wiesbaden oder Kiel sich kaum dagegen wehren, gegen den HSV Tore zu schießen.

Auch Trainer Hecking steht hart in der Kritik. Seine Aufstellungen und Auswechslungen geben immer wieder nicht dem Gegner, doch sehr wohl der geneigten Kundschaft Rätsel auf; die wahren Gründe, dauerhaft an den formschwachen Jatta und Jung (Montag nur eingewechselt) festzuhalten, wird er exklusiv kennen. Das Team, das in den vergangenen Jahren oft genug Opfer seltsamer taktischer Ideen war (Markus Gisdols Kick and Rush, Hannes Wolfs Laptop-Systemtheorie, um nur zwei von x Beispielen zu nennen), leidet auch in dieser Saison unter Systemzwängen. Diesmal ist es die Idee der »kontrollierten Offensive«, die schlichtweg in Feiglingsfußball mündet. Statt dominant und souverän zu agieren, versucht das labile Team, mit entschleunigtem Abwarten Eintorvorsprünge zu verwalten. Was natürlich regelmäßig schiefgeht. Selbst beim 3:2 gegen Abstiegskandidat Wehen Wiesbaden schaffte es der HSV nicht, einen souveränen Umgang mit Spiel und Gegner zu finden.

So ist es das gleiche Schneckenrennen um den Aufstieg geworden wie im vergangenen Jahr. Wurde der HSV damals noch von Köln, Paderborn und Union Berlin abgefangen, sind es diesmal das enteilende Bielefeld, und die wahrlich nicht standfesteren, aber entschlosseneren Stuttgarter, die den Hanseaten mittlerweile entscheidende Punkte voraus sind. Am vorletzten Spieltag steigt das Zitterduell bei Verfolger Heidenheim. Davor geht es morgen noch zu Dynamo Dresden, folgt am Dienstag ein Heimspiel gegen Angstgegner Osnabrück. Egal, wie es am Ende ausgeht: Verdient hätte der HSV den Aufstieg nicht. Auch nicht über die Relegation, in der man gegen jeden möglichen Gegner (Werder Bremen!) klarer Außenseiter wäre. Das Niveau in Liga zwei ist so schwach, dass nach dem Aufstieg eine tasmaniahafte Saison im Oberhaus nur logisch wäre – für Heidenheim, aber auch für den einstmals so großen HSV.

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