Home Welt Vereinigte Arabische Emirate: "Wir wollen keine Eskalation mit dem Iran"

Vereinigte Arabische Emirate: "Wir wollen keine Eskalation mit dem Iran"

WELT: Herr Dr. Jaber, Sie sind seit mehreren Monaten Vertreter der Regierung der Emirate für die Beziehungen zu Deutschland. Wie wichtig ist die Bundesrepublik für die Außenpolitik Ihres Landes?

Sultan Al Jaber: Deutschland steht ganz oben auf unserer Agenda. Berlin ist für uns ein natürlicher Partner. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen unseren Ländern. Beide sind wirtschaftliche Kraftwerke in ihren jeweiligen Regionen der Welt.

Toleranz ist für beide ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität. Und in der Außenpolitik haben wir immer einen Ansatz verfolgt, der auf Weisheit, Geduld und dem Wunsch nach friedlicher Stabilität beruht. Aus diesem Grund möchten wir diese strategische Partnerschaft mit Deutschland vertiefen.

Wir wollen eine Zusammenarbeit auf vielen Ebenen, in vielen Disziplinen und Sektoren. Eine Zusammenarbeit, die sowohl Ländern als auch Völkern zugute kommt. Aus diesem Grund haben wir uns sehr gefreut, als die Kanzlerin den Kronprinzen nach Berlin einlud.

Sultan Al Jaber ist Staatsminister der Vereinigten Arabischen Emirate

Sultan Al Jaber ist Staatsminister der Vereinigten Arabischen Emirate

Quelle: Martin U. K. Lengemann / WELT

WELT: Sehen Sie Deutschland vor allem als Wirtschaftspartner? Oder sollte Deutschland auch eine aktivere politische Rolle im Nahen Osten spielen?

Jaber: Wir glauben an die Fähigkeiten Deutschlands und es war schon immer in vielerlei Hinsicht ein wichtiger Akteur auf der Welt. Wir wollen Deutschland aber keinesfalls dazu drängen, sich noch stärker zu engagieren. Wir halten es jedoch für sinnvoll, dass Deutschland unsere Sicht der Dinge versteht. Aus diesem Grund kommunizieren wir intensiv miteinander.

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WELT: Sie haben gerade über Toleranz gesprochen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es sogar einen Minister für Toleranz. Was kann ein solcher Minister tun?

Jaber: In den Vereinigten Arabischen Emiraten leben Menschen aus 200 Nationen. Inklusivität ist seit der Gründung unseres Staates im Jahr 1971 ein bestimmender Faktor für unser soziales Zusammenleben.

Die Tatsache, dass wir 2019 das Jahr der Toleranz ausgerufen und einen Minister für Toleranz ernannt haben, zeigt, wie wichtig wir für Offenheit und Akzeptanz sind. Hier finden Sie Kirchen und Gebetshäuser verschiedener Religionen. Dies ist ein einzigartiges Modell in unserer Region.

WELT: Auch Deutschland und die Emirate teilen Bedenken. Besonders mit Blick auf den Iran. Bundesaußenminister Heiko Maas ist gerade von einer Reise in den Nahen Osten zurückgekehrt, die ihn sowohl nach Teheran als auch nach Abu Dhabi, der Hauptstadt Ihres Landes, geführt hat. Wie hoch ist Ihrer Meinung nach die Gefahr einer Eskalation?

Jaber: Wir in den Emiraten wollen keine Eskalation. Wir wollten und wollen heute schon immer Deeskalation. Die VAE sind bekannt für ihre Geduld. Wir wollen Brücken bauen zwischen den Nationen. Aus unserer Sicht können Geduld und Weisheit Gutes bewirken.

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USS Abraham Lincoln

WELT: Wenn Sie Brücken bauen wollen und sogar US-Außenminister Mike Pompeo bereit ist, mit dem Iran zu sprechen, wäre es dann nicht einfacher, mit Teheran zu verhandeln, wenn Sie das Atomabkommen nicht zuerst abbauen würden?

Jaber: Das Atomabkommen ist unserer Meinung nach gescheitert. Der Iran bemüht sich weiterhin, den Irak, Syrien, den Libanon und den Jemen zu destabilisieren. Mit der Unterstützung seiner Milizen in diesen Ländern verfolgt Teheran weiterhin eine expansionistische Agenda.

Die Iraner unterstützen weiterhin Extremisten und Terroristengruppen in der gesamten Region. Sie erweitern ihr Programm für ballistische Raketen und ihr Nuklearprogramm. Sie zeigen also keine guten, aufrichtigen Absichten für Frieden und Stabilität in der Region. Obwohl das das vermeintliche Ziel des Atomabkommens war. Daher sagen wir, dass die Vereinbarung gescheitert ist.

Wir haben keine Probleme mit dem iranischen Volk. Wir wünschen dem Land Wohlstand und Fortschritt. Aber dafür muss sich die iranische Führung auf die interne Entwicklung des Landes konzentrieren, anstatt sich in regionale Angelegenheiten einzumischen.

WELT: Was wäre Ihrer Meinung nach die Grundlage für Verhandlungen, da Pompeo dies für möglich hält?

Jaber: Wichtig wäre uns vor allem, dass wir in solche Verhandlungen einbezogen werden. Regionale Akteure sollten Partner in diesem Dialog sein. Wir wollen keine endgültige Einigung mehr erzielen, wie es beim Atomabkommen der Fall war. Vor allem eines ist sicher: Wir werden den Iran niemals als Nachbar der Atomenergie akzeptieren.

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Quelle: WELT / Sebastian Struwe

WELT: Einige kritisieren auch Ihre Außenpolitik, insbesondere den Krieg im Jemen, in dem Sie sich an einer Koalition mit Saudi-Arabien und anderen Ländern beteiligen. Warum ist es so schwer, diesen grausamen Konflikt zu beenden?

Jaber: Wir haben immer klargestellt, dass wir eine politische Lösung wollen. Die andere Seite ist nicht ernsthaft in den Friedensprozess involviert – die vom Iran gesponserte Houthi-Miliz. Wir werden die Bemühungen des UN-Sonderbeauftragten weiterhin unterstützen.

Wir haben das von ihm vermittelte Stockholmer Abkommen vom Dezember 2018 akzeptiert. Aber die Houthis haben seitdem mehr als 4000 Mal gegen die Vereinbarung verstoßen. Was tut die internationale Gemeinschaft dagegen? Nichts.

Wir stützen uns auf die Resolution 2216 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen im Jemen auf Ersuchen der international anerkannten Regierung des Jemen. Und wir sind im Jemen, weil wir nicht wollen, dass das Land ein weiterer Vertreter des Iran und seiner Expansion in der Region wird.

WELT: Einige behaupten, die Emirate hätten den Militärrat unterstützt, der den Sudan seit dem Sturz des Herrschers Omar al-Bashir regiert hat. Sind Sie für eine Militärdiktatur im Land?

Jaber: Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen wieder Frieden. Wir wollen eine politische Lösung. Wir wollen Wohlstand im Sudan. Genau wie in Libyen. Deshalb würde ich dieser Behauptung eindeutig widersprechen.

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WELT: Unter Ihrer persönlichen Führung entsteht derzeit in den Emiraten die Ökostadt Masdar. Was können uns die Deutschen über Ökostrom beibringen?

Jaber: Wir arbeiten aktiv mit Masdar in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern zusammen. Wir haben eine einzigartige Plattform geschaffen, auf der wir globale Herausforderungen gemeinsam angehen können.

Davon profitieren auch deutsche Forschungseinrichtungen und Unternehmen, die die Möglichkeit haben, neue Technologien zu testen und der Öffentlichkeit vorzustellen. Dies ist ein Modell, das weltweit ausgestrahlt werden könnte. Wir möchten sogar, dass es kopiert wird. Das würde auch enorm zur Bewältigung des globalen Klimawandels beitragen.

WELT: Ist Ökologie für Sie in erster Linie ein Kosten- oder Wachstumsfaktor?

Jaber: Die Förderung erneuerbarer Energien ist für uns eindeutig ein wirtschaftliches Entwicklungsprogramm, das auch strategische und wirtschaftliche Vorteile bringt.

Dies wird uns helfen, die Lebensdauer unserer eigenen Öl- und Gasreserven zu verlängern und uns weniger von fossilen Energieträgern abhängig zu machen. Bis 2030 wollen wir 30 Prozent unseres Energiebedarfs aus erneuerbaren Energiequellen decken.

WELT-Redakteur Daniel Dylan Böhmer (l.) Traf Sultan Al Jaber im Hotel Adlon in Berlin

WELT-Redakteur Daniel Dylan Böhmer (l.) Traf Sultan Al Jaber im Hotel Adlon in Berlin

Quelle: Martin U. K. Lengemann / WELT

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