SEr hatte wahrscheinlich nicht vor zu rennen. Ein Spitzenjob in der europäischen Politik? Mehrmals lehnte Christine Lagarde dies gegenüber ihren Mitarbeitern ab, wie aus ihrem Umfeld zu ersehen ist. Aber jetzt ist es anders.

Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit Sitz in Washington überquert den Atlantik, gefolgt von Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Staats- und Regierungschefs der EU einigten sich bei ihren Marathonverhandlungen in Brüssel.

Sie fühle sich geehrt, für den Posten nominiert worden zu sein, sagte Lagarde in einer ersten Reaktion. Sie möchte ihren Job beim IWF vorübergehend kündigen. Die 63-jährige Französin gilt als die Grande Dame der Finanzwelt, sie hatte es als erste Frau an die Spitze des IWF geschafft. Lagarde übernahm im Jahr 2011 nach dem unrühmlichen Abgang ihres Landsmanns Dominique Strauss-Kahn, der sexueller Übergriffe beschuldigt wurde.

Lagarde gilt als ein gut vernetzter, hochqualifizierter Verhandlungsführer. Vor ihrer Karriere beim IWF war sie Ministerin für Wirtschaft und Finanzen im Kabinett des französischen Premierministers François Fillon.

Die Weltwirtschaft befindet sich an einem "kniffligen Punkt"

IWF-Chef Christine Lagarde sieht die Weltwirtschaft in einer heiklen Phase. Aufgrund der anhaltenden Handelsspannungen würde sich die Wachstumsrate weiter verlangsamen.

Quelle: WELT / Christoph Hipp

Beim IWF, bei der Weltbank, unter Ökonomen – wo immer man es hört, scheinen die Menschen großen Respekt vor Lagarde zu haben. "Christine Lagarde ist eine sehr gute Kandidatin für die Position der EZB-Präsidentschaft", sagte Clemens Fuest, Präsident des Münchner ifo Instituts, gegenüber WELT. Mit Sicherheit ist sie in der Lage, die unterschiedlichen nationalen Interessen und Perspektiven in der Währungsunion auszugleichen. "Es hat auch genug politisches Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB von politischen Angriffen zu verteidigen", sagte Fuest.

Tatsächlich sollte ihre Zeit beim IWF ihr dabei helfen: Es ist eine Organisation, die die Unabhängigkeit der Zentralbank fördert – die Idee, dass Politik weitgehend aus der Zinspolitik herausgehalten wird, war daher praktisch ein Programm für Lagarde.

Einige Ökonomen stehen der politischen Vergangenheit von Christine Lagarde jedoch skeptisch gegenüber. Und die Unabhängigkeit der Zentralbank in Gefahr. Er sei entsetzt über die anhaltende Politisierung der EZB, sagte ein Beobachter, der nicht namentlich genannt werden wolle. Lagarde, ein ehemaliger französischer Finanzminister, ist eine durch und durch politisch denkende Person.

Nicht länger verlängerter Arm der USA

Die Ernennung des finnischen Politikers Olli Rehn zum Gouverneur der finnischen Zentralbank und damit zum Mitglied des EZB-Rats vor einem Jahr hatte bereits Kritik ausgelöst. Zuvor war Rehn unter anderem ein Jahrzehnt lang Mitglied der EU-Kommission in Brüssel.

Auch Holger Schmieding, Chefökonom der Hamburger Privatbank Berenberg, äußerte sich skeptisch. Lagarde genießt hohes Ansehen und Erfahrung bei der Aushandlung von Kompromissen. "Sie hat jedoch keine Erfahrung mit Zentralbanken, weshalb ich sie nicht für ideal halte", sagte Schmieding gegenüber WELT. Aus seiner Sicht wäre Lagarde besser als Kommissionspräsident oder Ratsvorsitzender geeignet gewesen.

Ansonsten gilt Lagarde als die Frau, die den IWF modernisiert hat. Zuvor sahen viele in der Organisation einen verlängerten Arm der amerikanischen Regierung. Ein Instrument, mit dem das Weiße Haus seine Interessen in der Welt durchsetzen will. Lagarde hat das geändert.

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Sie verbesserte die Beziehungen zu den Ländern Südamerikas und Asiens – und zu Europa. Der IWF wurde zu einem wichtigen Akteur in der Eurokrise, obwohl das Image des Fonds in Südeuropa unter den strengen Sparmaßnahmen für das verschuldete Griechenland litt.

Viele haben sich auch an eine berüchtigte Lagardes-Bewegung aus dieser Zeit erinnert. Als die EU beschloss, Griechenland finanzielle Unterstützung zu gewähren, erhoben europäische Anwälte Einwände. Das verstoße gegen den Vertrag von Lissabon. Weil er ausschließt, dass die Community für ein einzelnes Mitglied haftet.

In einem Gespräch mit dem damaligen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte der damalige französische Politiker Lagarde: "Vergiss den Vertrag." Vergessen wir den Vertrag. Es ist ein Satz, der sie jetzt, ein Jahrzehnt später, erwischen könnte. Denn Lagarde sollte künftig dafür sorgen, dass die europäischen Vereinbarungen nicht gebrochen werden.

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Obwohl Lagarde den Fokus des IWF aufgeschoben hat, um ihn ein bisschen europäischer zu machen, unterhielt sie ein gutes Verhältnis zur US-Regierung. Sogar Donald Trump scheint die Frau zu respektieren. Der US-Präsident hat viele internationale Organisationen wie die Weltbank oder die WTO angegriffen. Er ließ den IWF jedoch weitgehend in Ruhe. Dies mag auch Lagarde zu verdanken sein, die im Umgang mit Trump stets ihr Gleichgewicht zeigt.

Ja, sie kritisiert den Handelskrieg, den Trump mit China angestiftet hat. Ja, sagt sie, amerikanische Zölle schaden den amerikanischen Verbrauchern. Von Zeit zu Zeit verteidigt sie aber auch den Mann im Weißen Haus.

"Präsident Trump hat Recht mit geistigem Eigentum", sagte sie vor wenigen Tagen. "Niemand sollte geistiges Eigentum stehlen." Der Diebstahl von Ideen durch China ist ein häufiger Vorwurf von Trump. Darüber hinaus fuhr Lagarde fort und stimmte dem Republikaner zu, dass China seine Geschäfte nicht in großem Umfang subventionieren sollte.

Entscheidende Ansagen – in einer Satire-Show

All dies zeigt, dass diese Frau bereit ist, ein Risiko einzugehen. Sie traf die aufgeführten Aussagen nicht in einer Rede vor Wirtschaftswissenschaftlern, nicht während einer Podiumsdiskussion mit Politikern oder in einem Vortrag an einer Universität – sondern in der "Daily Show", einer Nachrichtensatire im US-Fernsehen, moderiert vom südafrikanischen Komiker Trevor Noah.

Auf die Frage von Noah nach den Folgen des Handelskrieges für das Wachstum der Weltwirtschaft sagte sie: Es ist, als würde man Südafrika von der Landkarte aus töten. Das Publikum lachte, es schien diese Frau zu lieben.

In ihrer Zeit als IWF-Chef machte sich Lagarde jedoch mit einem ganz anderen Thema einen Namen: Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Eigentlich ist der Währungsfonds eine Art Feuerwehr der Weltwirtschaft, er heißt immer dann, wenn in einem Land irgendwo auf der Welt etwas schief geht, wie in Griechenland. Der IWF vergibt Kredite an Länder, die nicht über ausreichende Währungsreserven verfügen.

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Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, plädiert der Internationale Währungsfonds (IWF) für die Einführung einer globalen CO2-Steuer zur Bekämpfung des Klimawandels. Laut IWF-Chef Christine Lagarde ist dies das "effizienteste Instrument".

Quelle: WELT / Christoph Hipp

Lagarde bestand aber auch darauf, Frauen zu diskriminieren, wofür der IWF nur indirekt verantwortlich ist. Bei einer Veranstaltung in New York sorgte sie kürzlich für Aufsehen, als sie feststellte, dass es nur eine Handvoll Länder auf der Welt gibt, in denen Frauen und Männer gesetzlich absolut gleich sind. "Das müssen wir ändern", sagte sie und applaudierte dem Publikum.

Ab November sollte sie sich nun um die Zinspolitik Europas kümmern. Daran werde sich aber kaum etwas ändern, sagt Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank. "Unter Christine Lagarde wird die EZB die lockere Geldpolitik von Mario Draghi fortsetzen", sagte Krämer gegenüber WELT. "Mehr denn je erwarte ich für die kommenden Jahre keine höheren Leitzinsen." Der EZB-Rat wird von Vertretern hoch verschuldeter Länder im Süden der Währungsunion dominiert.

"Mit Lagarde als Präsident sollte sich die Geldpolitik der EZB nicht ändern", glaubt Daniel Gros, Leiter des Brüsseler Think Tanks Center for European Policy Studies. "Sie wurde in ihrer Zeit beim IWF nicht durch die Entwicklung eigener Ideen bemerkt, aber sie hat bewiesen, dass sie sehr gut darin ist, Kompromisse zu organisieren." Und darauf kommt es im EZB-Rat an.

Niederlage für Jens Weidmann

In Deutschland bestand unter Bankmanagern und Sparern die Hoffnung, dass Bundesbankpräsident Jens Weidmann die EZB leiten und damit eine neue Zinspolitik starten wird. "Gerade in Deutschland wird es eine Debatte darüber geben, warum wir uns gegen Jens Weidmann entscheiden, obwohl mit ihm ein kompetenter Kandidat zur Verfügung steht", sagte ifo-Präsident Fuest. Seiner Ansicht nach war es offensichtlich, dass Deutschland nach den Niederlanden, Frankreich und Italien jetzt EZB-Präsident ist.

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