Wie Europas einflussreichste Anwaltskanzlei in die Dämmerung geriet

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Düsseldorf, Frankfurt Hamburgs Erster Bürgermeister war kein Wort zu groß für dieses Jubiläum. Ganzzahlig, unbestechlich und geradlinig ist der Weg, den Freshfields Bruckhaus Deringer eingeschlagen hat, lobte Olaf Scholz in seiner Rede vom 2. Juni 2015. Er freut sich sehr, mit den Anwälten das 175-jährige Bestehen der Kanzlei in Deutschland zu feiern.

Freshfields ist „eine Anwaltskanzlei, die unsere Gesellschaft immer wieder aktiv gestaltet“. Das sind Worte, die heute wie Pech bei Scholz bleiben. Scholz hatte Recht, als er in seiner Laudatio die vielen Mandate hervorhob, die Freshfields für den öffentlichen Sektor innehatte.

Aber 2015 hätte Scholz wissen können, was heute landesweit in Anklagen zu finden ist: Hochbezahlte Steueranwälte von Freshfields haben das Unternehmen jahrelang entstellt. Mit ihren Berichten trugen sie zum größten Betrug bei, den der Steuerzahler erdulden musste. Scholz, selbst Anwalt, schüttelte die falschen Hände.

Bis vor kurzem wollte der Vizekanzler einem anderen besonders gelobten Kollegen in die Augen schauen, bis vor kurzem musste er in die Justizvollzugsanstalt Frankfurt I. Ulf Johannemann war fast vier Wochen dort und war im Spätherbst der weltweite Steuerdirektor von Freshfields.

Beamte des Bundeskriminalamts verhafteten den 48-Jährigen am 22. November. Johannemann habe versucht, Vermögenswerte zu bewegen, sagte die Staatsanwaltschaft und sah eine Fluchtgefahr. Eine Anklage wegen Mitschuld an Steuerhinterziehung in teilweise besonders schwerwiegenden Fällen und versuchter Täuschung durch die Steuerbehörden wurde bereits zugestellt. Johannemann hat die Vorwürfe noch nicht kommentiert. Er wurde kurz vor Weihnachten freigelassen – gegen eine Kaution von vier Millionen Euro und Aushändigung seines Reisepasses.

Politik ist auf Neuland angewiesen

Es ist ein unglaublicher Sturz. Johannemann ist nicht irgendein Anwalt in Deutschland und Freshfields ist nicht irgendeine Anwaltskanzlei. Die Bundesländer haben Freshfields beispielsweise mit der Privatisierung von Sparkassen und Regionalbanken beauftragt. Wie Dokumente aus den Landtagen zeigen, sind oft Millionen von ihnen geflossen. Der neue SPD-Vorsitzende Norbert Walter-Borjans engagierte im Dezember 2013 Freshfields als damaligen NRW-Finanzminister, auch ohne Ausschreibung.

Eine Umfrage des Handelsblatts zeigt, wie tief die Kanzlei in die Politik eingebunden ist. Das Bundeswirtschaftsministerium legt drei aktuelle Mandate fest, in Bayern berät Freshfields das Finanzministerium in zwei Fällen. Der Hamburger Senat beantwortete die Frage nach der Anzahl der Aufträge an die Kanzlei mit „mehrere“, Hessen mit „vier“. Insgesamt gibt es mindestens 18 öffentliche Mandate für Freshfields.

Wenn Sie den Anwälten glauben, stimmt alles. Die „beste Anwaltskanzlei der Welt“ sollte ihre sein, heißt es in der Chronik, die Freshfields zum 175-jährigen Firmenjubiläum gedruckt hatte. Es wurde ein 260-seitiges Buch voller Geschichte und Geschichten.

1840 wurde der Königsberger Rechtsanwalt Ludwig Noack als Rechtsanwalt in Hamburg zugelassen und legte den Grundstein für die Anwaltskanzlei, die sich heute allein im schönen Hanseviertel über 10.000 Quadratmeter erstreckt. Freshfields erzielt an 27 Standorten weltweit einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro. Die Einstiegsgehälter betragen 120.000 Euro, Anwälte wie Johannemann berechnen bis zu 750 Euro pro Stunde.

Die Anfänge waren bescheidener. Noack leitete 28 Jahre lang eine Ein-Mann-Anwaltskanzlei, bevor er sich mit dem 20-jährigen Julius Seebohm zusammenschloss und in die Rathausstraße umzog, die zehn Minuten zu Fuß von der heutigen Adresse in Hohe Bleichen entfernt liegt. Im Jahr 1914 hatte die Kanzlei fünf Anwälte.

Ludwig Noack war Freshfields ältester Gründervater, aber nicht der einzige. Die Chronik der Anwaltskanzlei bezieht sich auf fünf Ahnenlinien. Zwischen 1962 und 1985 ließen sich Rechtsanwälte in Hamburg, Düsseldorf, Berlin und Bonn nieder, die im Jahr 2000 unter das Dach einer noch traditionelleren Anwaltskanzlei gerieten: Freshfields.

Der erste Ableger der englischen Mutter wurde 1743 von Samuel Dodd ins Leben gerufen. Als James William Freshfield 1800 eintrat, war Dodd verstorben, und die Familie Freshfields wurde die dominierende Kraft in der Anwaltskanzlei. Acht Nachkommen aus vier Generationen arbeiteten unter dem vom ersten Freshfield gewählten Wappen. Es zeigt den heiligen Michael, den Eroberer Luzifers.

Im Januar und August 2000 fusionierte Freshfields mit den deutschen Anwaltskanzleien zur Marke, unter der ihre heute über 2500 Anwälte arbeiten: Freshfields Bruckhaus Deringer. Die deutschen Anwälte blickten auf eine solide Geschichte zurück.
Sie berieten das Deutsche Reich beim Rückkauf der Insel Helgoland aus Großbritannien und halfen bei der Gründung und Auflösung des Chemieunternehmens I.G. Färbt und begleitet die Krupp-Gruppe mit dem Einzug des Schahs von Persien. Sie verteidigten das deutsche Reinheitsgebot und berieten bei der Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft.

In all dem, sagt Freshfields, war es extrem zivilisiert. „Wir wollen unseren Kunden nicht nur gute Ratschläge geben“, heißt es in den Leitlinien. „Wir wollen dies verantwortungsbewusst und nachhaltig tun.“ Aus diesem Grund wurde Freshfields von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 inspiriert. Alle ihre Arbeiten, schreibt die Anwaltskanzlei, verfolgen ein Ziel: Sie könnten „langfristig positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben“.

Mission: nicht klären!

Eine solche Anwaltskanzlei, wie sie in der Industrie und im Finanzsektor seit langem bekannt ist, war nicht nur ein Leitfaden für Unternehmen. Sie hat ihre Kunden dekoriert. Die Deutsche Bank, die Chemiekonzerne BASF und Merck, der Immobilienanbieter Vonovia und viele mehr sind Kunden von Freshfields. Ein guter Grund für Kunden, sich für diese Firma zu entscheiden, ist ihre politische Vernetzung.

Die Anwälte von Freshfields wissen in der Regel früher als andere, welche rechtlichen Fragen in Kürze aktuell sein werden. Dies liegt oft daran, dass sie die thematischen Bücher selbst schreiben. Freshfields war in der Finanzkrise 2008 maßgeblich an der Erarbeitung des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen beteiligt.

Die Expertise, die die Anwälte hier entwickelten, bedeutete einen Wissensvorsprung, der Kunden aus der Finanzbranche nicht lange erklärt werden musste. Es war eine Binsenweisheit: Diejenigen, die Freshfields auf ihrer Seite hatten, hatten Recht. Rückblickend bestehen Zweifel.

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hatte Anfang der 2000er Jahre Hinweise auf Preisvereinbarungen mit Wettbewerbern für Schienenaufträge für die Deutsche Bahn. Die Tour bestellte eine besondere Art der Untersuchung. „Ziel der Prüfung ist es nicht, Mitarbeiter wegen Verstößen gegen das zivil- und arbeitsrechtliche Kartellrecht zu verfolgen“, heißt es in einem Freshfields-Papier vom 24. Mai 2005. „Die Umsetzung und Dokumentation der externen Anwaltskanzlei Freshfields ist für Verstöße gegen das Kartellrecht verantwortlich Nur so können die Dokumente vor Beschlagnahme geschützt werden … „

Es ist nicht bekannt, wie viel Freshfields für diese „Untersuchung“ in Rechnung gestellt hat. Nur was bekannt ist, ist bekannt. Ein Wettbewerber gab eine freiwillige Erklärung ab, das Bahnkartell sei aufgedeckt worden. Schätzungen zufolge kostete die Preisfestsetzung die Steuerzahler eine Milliarde Euro. Der Staat trägt die Kosten für die Schieneninfrastruktur.

2014 wandte sich der ADAC-Automobilclub an Freshfields. Der Skandal um die gefälschten Wahlen zum Yellow Angel Car Award war noch ungelöst, als die ADAC-Führung das Unternehmen aufforderte, eine neue Struktur für den Club zu entwerfen. Das Ergebnis ist in München bis heute umstritten. Mitarbeiter kritisieren, dass das Modell „komplett überdimensioniert“ sei. In einer Umfrage bewerteten fast zwei Drittel der Mitarbeiter am Hauptsitz des Verbandes die Stimmung mit fünf oder sechs.

Im Jahr 2015 erhielt Freshfields einen Auftrag vom Deutschen Fußball-Verband. Der „Spiegel“ hatte eine zweifelhafte Millionenzahlung gemeldet, als die WM 2006 an Deutschland verliehen wurde. Das warf einen Schatten auf das Sommermärchen. Frischfelder sollten Licht ins Dunkel bringen. Es wurde teuer.

Die Kanzlei beschäftigte ein halbes Jahr lang 42 Anwälte. Ihr rund 380-seitiger Bericht ließ viele Fragen offen. Die Anwälte schrieben, dass es keine Anhaltspunkte für einen Stimmenkauf gebe. Insgesamt ist eine Bestechung nicht auszuschließen. Die Kosten für die vagen Angaben: gut fünf Millionen Euro. Einer der drei führenden Anwälte: Ulf Johannemann.

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