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Wie Roboterhersteller von der Koronakrise profitieren können

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München Das Infektionsrisiko ist derzeit das große Problem in Fabriken. Aber nicht alle sind betroffen. “Der Roboter muss sich nicht an Distanzregeln halten”, sagt Helmut Schmid, Leiter Deutschland und Westeuropa bei Universal Robots.

Kollaborative Roboter können direkt neben einem Menschen oder neben einem anderen Roboter arbeiten. Viele Unternehmen sind derzeit froh, mit Hilfe von Cobots und leichten Robotern weiterhin flexibel produzieren zu können. “Ich bin sicher, dass Automatisierung und Robotik nach Corona einen starken Boom erleben werden”, erwartet Schmid.

Natürlich betrifft Corona auch kurzfristig die Robotikindustrie. Mit einem Anteil von rund 30 Prozent ist die Autoindustrie der wichtigste Kunde für Industrieroboter. Nach der jüngsten Prognose des internationalen Verbandes IFR stagnierte das Geschäft im vergangenen Jahr mit nur 421.000 verkauften Robotern aufgrund des Branchenabschwungs. Die Branche hatte zuvor viele Jahre lang einen Rekord nach dem anderen aufgestellt. Jetzt dämpft die Koronakrise auch die Bereitschaft, in die Automobilindustrie und andere wichtige Sektoren weltweit zu investieren.

Unter den Spezialisten für Robotik und Automatisierung besteht jedoch große Hoffnung, dass die Hersteller langfristig zu den Profiteuren gehören werden. Insbesondere die sogenannten Cobots, über die vor einigen Jahren große Euphorie herrschte, die sich aber noch nicht auf dem breiten Markt etabliert haben, könnten nun möglicherweise einen Durchbruch auf breiterer Front erzielen – auch wenn es noch einige Hindernisse gibt.

Cobots haben die klassische Hypecurve durchlaufen, sagt die Robotikingenieurin Titanilla Komenda vom Fraunhofer Österreich. Die große anfängliche Euphorie war vorbei – aber auch das Frustrationstal danach. “Jetzt befinden wir uns wieder in einem aufsteigenden Zweig. Viele nützliche Anwendungen eröffnen sich”, sagt Komenda.

Die kollaborativen Roboter müssen sich nicht hinter dem Schutzzaun befinden, sondern können ihre Arbeit direkt neben dem menschlichen Kollegen erledigen. Die Roboterarme werden beispielsweise in der Elektronikindustrie eingesetzt, um Teile an Mitarbeiter zu übergeben oder die Batterien eines Mobiltelefons in eine Teststation zu legen.

Zuletzt erzielten Industrieroboterhersteller einen Umsatz von 16,5 Milliarden US-Dollar. In den Fabriken sind 2,4 Millionen Roboter im Einsatz. Laut dem Weltbranchenverband IFR betrug der Anteil kollaborativer Roboter am Robotikmarkt im Jahr 2018 nur drei Prozent. “Aber wir können sehen, dass dieser Anteil mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten weiter wächst”, sagte IFR-Generalsekretärin Susanne Bieller vom Handelsblatt.

Das Segment ist daher für die Branche attraktiv. Neben Pionieren wie Universal Robots haben sich auch etablierte Hersteller wie Kuka mit dem LBR iisy Lightweight Robot und dem Schweizer Konkurrenten ABB mit dem Yumi in das Segment gewagt. Bieller betonte, dass die Cobots traditionelle Roboter nicht ersetzen würden: „Sie eröffnen neue Märkte und neue Anwendungen. Dies macht sie für die weitere Entwicklung des Marktes äußerst wichtig. ”

Eine typische Aktivität für die Roboterarme ist das “Pick and Place”, dh das Greifen und Platzieren von Objekten. Während die klassischen Industrieroboter Lasten mit einem Gewicht von mehreren hundert Tonnen, manchmal sogar Tonnen, bewegen können, liegen die Tragfähigkeiten der Cobots meist im einstelligen Kilogrammbereich.

Corona kann ein erster Funke für neue Automatisierungsanwendungen sein, glaubt Fraunhofer-Experte Komenda: „Wir handeln oft nach alten Gewohnheiten. Nur in Krisenzeiten müssen Sie umdenken. Angesichts der Pandemie konnten Cobots ihre Stärken zeigen. Einerseits könnten die Roboterarme einzelne Mitarbeiter ersetzen, die krank sind oder aus der Schicht genommen werden, um die Abstandsregeln einzuhalten.

Desinfektionsroboter für China

Darüber hinaus könnte Corona beispielsweise dazu führen, dass die Produktion nach Europa zurückgebracht wird. In Hochlohnländern wären dann automatisierte, sehr flexible Lösungen erforderlich. „Die Mensch-Roboter-Zusammenarbeit hat den Vorteil, dass ich sehr flexibel automatisieren kann“, sagt Komenda.

Der Roboterhersteller hat bereits viele Anfragen aus der Pharmaindustrie, aus Labors und Krankenhäusern erhalten, stellt der Chef von Universal Robots Germany, Schmid, fest. “Beispielsweise können Roboter bei Blutproben helfen, diese sicher zu analysieren.” Industrieunternehmen mit Robotern könnten derzeit auch variablere Produktionszeiten haben, wenn die Schichten aufgeteilt würden, so dass nicht zu viele Menschen gleichzeitig in der Produktion arbeiten.

Der Branchenverband VDMA erwartet auch nach der Koronakrise einen „ordentlichen Schub“ für Robotik und Automatisierung. Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer für Robotik und Automatisierung, sagt, dass sich die Branche noch nicht vom wirtschaftlichen Abschwung abkoppeln kann. Immerhin gab es vor wenigen Tagen ein Signal, dass klassische Kunden nicht ganz scheitern würden: BMW bestellte über mehrere Jahre 5000 Roboter bei Kuka, die vor allem im Karosseriebau eingesetzt werden sollen. Solche Großaufträge dürften derzeit jedoch die Ausnahme sein.

In der Welt nach Corona könnten laut Schwarzkopf die Lieferketten überdacht und die Produktion auf mehrere Standorte verteilt werden. In einigen Fällen könnte die nach Asien verlagerte Produktion nach Europa zurückgebracht werden. “Das erfordert dann Investitionen in die Automatisierungstechnik.”

Schwarzkopf ist auch davon überzeugt, dass das Thema Servicerobotik einen „enormen Schub bekommen wird, der sich langfristig auswirken wird“. In zahlreichen Krankenhäusern sind bereits autonome Desinfektionsroboter im Einsatz. Laut dem Branchenverband IFR 2000 haben chinesische Krankenhäuser UVD-Desinfektionsroboter beim dänischen Hersteller Blue Ocean Robotics bestellt.

“Und in Zeiten, in denen Besuche verboten sind, rollen Kommunikationsroboter durch Pflegeheime und ermöglichen virtuelle Besuche von Verwandten per Videokonferenz”, sagt Schwarzkopf. Der Roboter „James“ wurde vom Start-up RobShare entwickelt, das zur Hahn-Gruppe gehört. Der Roboter besucht Personen in Quarantäne und verbindet Familienmitglieder per Videokonferenz.

Virtuelle Messe statt Automatik

Es bleibt jedoch abzuwarten, ob sich die Hoffnungen auf einen Boom wirklich erfüllen. Über Cobots wurde – wie über die Serviceroboter – in den letzten Jahren viel gesprochen, zum Beispiel auf der Hannover Messe.

Einarmige Helfer sind in den Fabrikhallen jedoch selten zu sehen. Zu Beginn waren die neuen Maschinen oft recht teuer. Außerdem mussten die richtigen Bewerbungsorte gefunden werden. “Nach ersten Schätzungen liegt der Anteil der Cobots an der Industrierobotik immer noch deutlich unter zehn Prozent”, sagt VDMA-Geschäftsführer Schwarzkopf, “aber das Potenzial ist enorm.” Laut den Experten von Interact Analysis könnte sich der Cobot-Markt bis 2027 im Vergleich zu 2018 fast verzehnfachen und auf 5,6 Milliarden US-Dollar steigen.

Es gibt jedoch immer noch verschiedene Faktoren, die bremsen. Die großen Herausforderungen – Sicherheit, Zertifizierung und einfache Programmierung – seien noch nicht bewältigt, sagt Fraunhofer-Experte Komenda. Die leichten Roboter sind heute viel einfacher zu programmieren als noch vor einigen Jahren. “Aber im Idealfall sollte ein Cobot ein Werkzeug wie ein Akkuschrauber sein, das jeder ohne Anleitung verwenden kann.”

Die Cobot-Hersteller haben mit den kleinen und mittleren Unternehmen aus verschiedenen Branchen ein breites Kundenfeld erschlossen, sagt IFR-Geschäftsführer Bieller. “Hersteller und Integratoren müssen jedoch zunächst ein gewisses Maß an Prozess-Know-how entwickeln.” In den frühen Tagen der Cobots entstand der Eindruck, dass sie auf eine Systemintegration verzichten könnten. “Dies ist jedoch nur bei sehr einfachen Anwendungen der Fall”, sagt Bieller.

Die Risikobewertung in komplexen Anwendungen erfordert viel Erfahrung, sagt Bieller. “Es ist auch ein Missverständnis, dass Cobots die umfassende Antwort auf alle Fragen sind.” Insbesondere wenn hohe Geschwindigkeiten, Präzision oder hohe Nutzlasten erforderlich sind, könnten herkömmliche Industrieroboter in Kombination mit einer Sensorhaut oder entsprechenden Kameras sinnvoller sein. Dennoch erwarten alle Experten weitere hohe Wachstumsraten – wenn auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau.

Der Marktführer bei Cobots ist nach wie vor der Pionier Universal Robots aus Dänemark, den Esben Østergaard 2005 gegründet hat. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen, das jetzt zu Teradyne gehört, einen Umsatz von 248 Millionen US-Dollar. Der Roboterhersteller wollte eigentlich seine neuesten Modelle auf der Automatica in München vorstellen. Aber das musste wegen Corona verschoben werden. Universal Robots lädt Sie heutzutage zu einer virtuellen Inhouse-Ausstellung ein.

Keine Spezialisten erforderlich

Die Resonanz potenzieller Kunden ist positiv, sagt ihr deutscher und westeuropäischer Chef Schmid. Er gibt auch zu: “Der große Hype ist vorbei.” Aber jetzt kommt die “Phase der richtigen Anwendung”. Für den Markt haben sich völlig neue Bereiche geöffnet, beispielsweise in der Logistik, in der Lebensmittelindustrie und in der Medizintechnik.

Ein Cobot ist auch für kleine und mittlere Unternehmen wirtschaftlich sehr attraktiv, sagt Schmid. “Ein Roboterarm macht sich normalerweise nach sechs bis neun Monaten bezahlt.” Das Problem ist vielmehr, dass vielen mittelständischen Unternehmen nicht bewusst ist, dass Lösungen bereits ab 60.000 Euro verfügbar sind und dass für die Implementierung keine Robotikspezialisten erforderlich sind. Infolgedessen haben Anbieter nur drei bis fünf Prozent der potenziellen Kunden erreicht. Das Marktpotential ist daher enorm.

Für Universal Robots ist Schmid daher langfristig weiterhin zuversichtlich. “Vor Corona herrschte eine sehr positive Stimmung auf dem Markt”, sagt er. Das Unternehmen profitiert derzeit von seiner Zugehörigkeit zu Teradyne. Dank des finanziell starken Partners gab es bisher keine Kurzarbeit. Als globaler Marktführer bei Cobots würde es dann stark vom erwarteten Boom nach der Krise profitieren.

Zumindest VDMA-Geschäftsführer Schwarzkopf glaubt nicht, dass die Roboter die Arbeiter in den Fabriken in Zukunft vollständig ersetzen werden: “Der Mensch und die spezifisch menschlichen Fähigkeiten sind in der modernen Produktion immer noch unverzichtbar.”

Bei Bedarf können jedoch einige Roboter eingreifen. Beispielsweise darf der Vertrieb von Universal Robots in vielen Ländern keine Kunden mehr in Fabriken besuchen. Das dänische Unternehmen möchte daher aus der Notwendigkeit eine Tugend machen: Nach seiner virtuellen Inhouse-Ausstellung möchte es einen Roboter an Kunden senden. Ziel der Demonstration ist es zu zeigen, was es kann – und auch erste Aufgaben für Kunden zu übernehmen. Die Steuerung erfolgt aus der Ferne. “Dies ist unser erster Verkaufsroboter”, sagt Schmid.

Mehr: BMW bestellt 5.000 Roboter bei Kuka.

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