Wir sind alle diese Affen (neues-deutschland.de)

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So viel Leid, so wenig Zeit! Die Horrorberichte erreichen uns jede Sekunde. Australien brennt, der Papst hat seine Fans verprügelt, die Mietbremse entfällt – wenn Sie wollten, könnten Sie den ganzen Tag jämmerlich und ängstlich sein und den Zustand der Welt bedauern.

Aber vorher hat der liebe Neurogott die Aufmerksamkeitsökonomie festgelegt. Jüngsten neurologischen Studien zufolge können wir nur zwei oder drei Themen pro Tag auf vernünftige Weise behandeln. Alles andere wird dann kognitiv verworfen, so dass im Kopf noch genügend Platz für Fernsehen, Rachegedanken und Ohrwurm vorhanden ist. Natürlich konzentrieren sich kleine Aufmerksamkeitsarbeiter wie wir dann auf Dinge, die uns wirklich beschäftigen: wie das Feuer in einem Affenhaus in Krefeld, das an Silvester in Brand gesteckt wurde.


Leo Fischer war Chef des Nachrichtenmagazins »Titanic«. In dieser Abteilung entsorgte er den zurückgebliebenen politischen Müll.

Leo Fischer war Chef des Nachrichtenmagazins »Titanic«. In dieser Abteilung entsorgte er den zurückgebliebenen politischen Müll.

Foto: privat

Die aktuelle Nachrichtensituation am Freitagnachmittag: Bei einem Trauergottesdienst (!) Kamen für die Tiere, die im Feuer starben, rund 2500 Menschen zusammen. Kerzen (!) Wurden angezündet und eine Schweigeminute (!) Wurde gehalten. Der Bürgermeister (!) Hielt eine Rede (!); Über 4.000 Spenden gingen bereits an den Verein Krefelder Zoofreunde.

In der Zwischenzeit haben sich die drei Frauen, deren Feuerwerk das Zoo-Gebäude in Brand gesetzt hat, der Polizei zugewandt (!) – sie erhalten jetzt Morddrohungen über soziale Medien, und man kann sich nur vorstellen, was passieren würde, wenn die drei auffallen würden auf andere Weise vielleicht sogar Ausländer. Online kursiert ein Video, das den Tod der Tiere dokumentiert – »Bild« hat es bereits hinter die Paywall gestellt, weil dort keine Emotion des Volkszorns ungebrochen bleiben kann.

Gibt es ein Denkmal für die verstorbenen Tiere (ungefähr so ​​viele sterben pro Sekunde in einem typischen deutschen Schlachthof)? Wird es Mahnwachen geben, wird ein separates Gefängnis für die Täter gebaut oder wird die Todesstrafe (ausnahmsweise!) Wieder eingeführt? Wird eine Bürgerwehr das Zoogelände so bewachen, dass eine feige Verbindung entsteht, sorry: Ein tragischer Unfall wie dieser kann nie wieder passieren? Wird es möglicherweise strengere Vorschriften für den wirklich verrückten Silvester-Knall geben, der jedes Jahr kommt? Nein, letzteres ist definitiv nicht garantiert!

Aber es ist wahr: Die verstorbenen Affen verdienen unsere Solidarität. Erkennen wir nicht unser Schicksal in ihnen allen? Sie sind seit Jahren auf engstem Raum eingesperrt – auch sie sind von der Wohnungsnot betroffen! Bewaffnet, verspottet und belästigt von morgens bis abends – sehen wir hier nicht den tristen Alltag im Großraumbüro? Jede primitive Körperfunktion, jede Nahrungsaufnahme für die ganze Welt ist dokumentiert – ist das nicht genau das gnadenlose Schicksal der von Instagram getriebenen Influencer?

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Wenn nach Michel Foucault alle Einrichtungen der modernen Gesellschaft, ob Schule oder Psychiatrie, im Wesentlichen dem Gefängnis nachempfunden sind, ist es logisch, ein Gefängnis auch in der Freizeit zu besuchen und sich über die Übergabe von Wesen zu freuen, die nur wenige DNA-Gebäude sind Menschenblöcke und kulturelle Konventionen sind weit weg. Weil die Humanisierung im Gedächtnis natürlich nicht so weit geht, ihnen Freiheit, ja sogar Würde zu geben – sie werden als entmenschlicht humanisiert. Das Affenhaus soll erhalten bleiben; Sie wollen nur die Kontrolle über die Form, die das Leiden dort hat, und über die Form seiner Ästhetisierung. Mitleid ist seit langem nur dort erlaubt, wo es keinen Sinn macht.

. (TagsToTranslate) Krefeld (t) media

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