WM-Abschluss – Russland, Schiedsrichter und kollektive Leistung als große Sieger

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Frankfurt Vier Wochen lang versüßte die Weltmeisterschaft den Fußballliebhabern den Tag. Frankreich und Kroatien sind im Finale zwei würdige Mannschaften. Eines steht bereits fest: Neben dem zukünftigen Weltmeister kann sich vor allem Gastgeber Russland als Sieger fühlen. Die WM aus der Perspektive …

Oscar Tabarez konnte sich kaum retten: „Diese Weltmeisterschaft ist eine der besten in der Geschichte in Bezug auf Organisation und alle anderen Aspekte“, sagte Uruguays Trainer während seines vierten Turniers. „Meiner Meinung nach ist es das Beste überhaupt.“

Fifa-Präsident Gianni Infantino sandte weitere Grüße nach Moskau: „Es ist die beste Weltmeisterschaft, die jemals stattgefunden hat.“ Und Präsident Putin fügte hinzu: „Ein großes Dankeschön an Russland: Die russische Regierung, Präsident Putin, alle Beteiligten in diesem Land haben dafür gesorgt, dass es die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten war.“

FIFA-Präsident Infantino (links) und der russische Präsident Putin

Nach offiziellen Angaben kostet das Turnier zwischen zwölf und 14 Milliarden Euro. Neben den hochmodernen WM-Arenen baute Russland auch zahlreiche kleinere Stadien und Trainingsplätze. Dass Russland das Turnier ausrichten durfte, gilt als großer Erfolg für den Präsidenten.

Es besteht kein Zweifel, dass sich das Image Russlands erheblich verbessert hat. Viele Beobachter glauben, dass sich das Gesicht in Zukunft wieder ändern wird. Präsident Putin nutzte die Zeit für ein höchst kontroverses Innenprojekt. Unter dem Deckmantel der Weltmeisterschaft erhöhte die russische Regierung das Rentenalter schrittweise von 60 auf 65 Jahre für Männer (bis 2028) und von 55 auf 63 Jahre für Frauen (bis 2034).

Mit Erfolg: Die Protestaufrufe der Gewerkschaften fanden im Fußball Echo Widerhall und es kamen nur wenige Tausend Menschen. Aber Politikwissenschaftler sind sich sicher, dass die Kritik zurückkehren wird, wenn die Euphorie nachlässt.

… der Spieler: Was zählt, ist nur das Kollektiv

Fußballfans im Stadion und vor dem Fernseher befürchteten bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich das Schlimmste nach dem Schlafwagenfußball. Diesmal war es sicher nicht so lahm. Trotzdem gab es in diesem Turnier in vielen Phasen nur gähnende Langeweile. Das Niveau vieler Spiele war – gelinde gesagt – überschaubar. Dies gilt für die Gruppenphase und die Ko-Runde.

Infolgedessen blieben die meisten Spiele bis zum Ende spannend. Unansehnlicher Fußball wurde zumindest entschädigt. Langfristig bleibt die Spannung jedoch geringer als beim guten Fußball. Ausgeglichene Spiele mit vielen Chancen auf beiden Seiten, ein angemessenes Tempo zwischen den Strafräumen und knackige Zweikämpfe werden von neutralen Beobachtern eher gewürdigt. Das Achtelfinale zwischen Frankreich und Argentinien (4: 3) dürfte das beste der Weltmeisterschaft sein. Ebenso beeindruckend waren die Spiele zwischen Spanien und Portugal (3: 3), Kroatien und Argentinien (3: 0), Belgien und Japan (3: 2) sowie Belgien und Brasilien (2: 1). Mehr Ziele, mehr Unterhaltung.

Eden Hazard

Einer der Besten im Turnier – aber nicht der im Finale.

(Foto: AFP)

Luka Modric wird es auf jeden Fall in die „Mannschaft des Turniers“ schaffen. Der kroatische Mittelfeldspieler, der bei Real Madrid antritt, hat viel Mühe in alle Spiele gesteckt, nie einen Ball verloren und sein Team mit einer vorbildlichen Haltung ins Finale geführt. Sein belgischer Amtskollege Eden Hazard war wahrscheinlich etwas stärker. Der 27-Jährige war immer auf der Suche nach einem Einzelnen, war gefährlich, kreativ, nie müde. Spieler wie Mbappé, Varane, Kane und Lukaku waren sehr gut – aber nicht herausragend in Bezug auf ihre Fähigkeiten. Aber das mussten sie auch nicht.

Die Superstars Cristiano Ronaldo und Lionel Messi mussten nach dem Achtelfinale nach Hause fahren. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Spieler praktisch im Alleingang für den Turniersieg sorgte. Heute steht das Kollektiv über allem. Die Beispiele Kroatien und Russland zeigen das Potenzial, wenn man im Zweifel den ganzen Weg für den anderen geht. Deutschland und Polen haben dagegen deutlich gemacht, welche Folgen ein unruhiges Teamklima hat. Die wichtigste Erkenntnis daraus: Trotz aller Selbstdarstellung und Selbstliebe ist und bleibt Fußball ein Mannschaftssport.

… der Trainer: der „General“ und der Wundernde

Das Pokalfinale ist ein Duell der Gegensätze auf der Trainerbank. Der französische Trainer Didier Deschamps wurde als Spieler Welt- und Europameister. Nur wenigen ist es gelungen, Geschichte zu schreiben. Außerdem gewann er, „der General“, die Champions League mit Olympique Marseille und Juventus Turin. In seinem Lebenslauf sind drei Vereine mit großer Geschichte: Monaco, Turin und Marseille. Obwohl Zinedine Zidane vor Turnierbeginn als neuer Nationaltrainer diskutiert wurde – als Welt- und Europameister, der als Trainer Welt- und Europameister werden sollte.

Sein Gegner am Sonntagabend war vor dem Turnier ein Fremder. Verbandspräsident Davor Suker bekam Zlatko Dalic erst kurz vor dem Ende der Qualifikation, als es zu scheitern drohte. Er trainierte Klubs der kroatischen Liga in Saudi-Arabien und Albanien. Und Dalic trat als Spieler vor allem für Mannschaften ein, deren Namen in den Zungen der Fußballkommentatoren für Knoten sorgen.

Die Leistung von Zlatko Dalic, der vermeintlichen Notfalllösung, ist beeindruckend. In nur wenigen Monaten verwandelte er eine hoffnungslos umstrittene Mannschaft, in der die Spieler nur auf sich selbst blickten, in eine Einheit zukünftiger Nationalhelden. Der Trainer hat es geschafft, hochtalentierte Spieler wie Rakitic, Rebic, Perisic und Lovren dazu zu bringen, ihr Talent ohne Zweifel einzusetzen.

Und die beiden anderen Trainer, die ihre Mannschaft in die Runde der letzten vier geführt haben? Der belgische Trainer Roberto Martinez gewann mit Wigan Athletic überraschenderweise den FA Cup, hatte jedoch wenig Erfolg. Seine Mannschaft hat wohl den respektabelsten Fußball dieses Turniers gespielt. Und Englands Gareth Southgate wurde nach seiner Abreise mit Gesängen gefeiert. Wann war das letzte Mal das? Alle diese Trainer haben gute Werbung für ihr Team und für sich selbst gemacht.

Ein prägender Spielstil bleibt nach dieser WM nicht wirklich hängen. Ballbesitz Fußball, wie es Spanien perfektioniert hat, führt nur dann zum Erfolg, wenn die Offensive vor dem Tor konsequent ist. Belgien hat einen hervorragenden Konterfussball gespielt und unter anderem die KO-Spiele gegen Japan und Brasilien gewonnen. England wiederum vertraute dem Ball in Ruhe, neun (!) Der zwölf englischen Tore fielen nach Maßgabe. Es gab insgesamt 68 Treffer nach Standards – eine Rekordzahl. Und die Franzosen? Kombiniere alles ein bisschen und konzentriere dich mehr auf Spielkontrolle als auf Ballkontrolle.

… der Schiedsrichter: der beste Mann auf dem Platz

Trotz einer Schwächephase am dritten Gruppenspieltag sind sie eine der positivsten Überraschungen. In zahlreichen Spielen dieses Turniers war der Schiedsrichter der beste Mann auf dem Platz, wie dies auch bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich der Fall war. Ein sehr bemerkenswerter Fortschritt im Vergleich zu den vorherigen Turnieren. Und das Ergebnis eines harten Trainings.

Es sind weniger konkrete Einzelentscheidungen, mit denen die 33. Mannschaft bei dieser WM glänzt. Denn auch der beste Schiedsrichter der Welt kann sich hier irren. Es ist eher ihr Aussehen, ihre Persönlichkeit, ihre Körpersprache. Sie handeln sachlich, aber freundlich, selbstbewusst, aber fest, großzügig, aber konsequent. Neymar zum Beispiel war davon besonders betroffen: Der niederländische Schiedsrichter Björn Kuipers würdigte seine ständigen Possen und Beschwerden gegen Costa Rica (2: 0) mit beispielloser Ignoranz. Das brachte ihm viel Anerkennung ein.

Die angenehm großzügige Schiedsrichterlinie, zu der auch die FIFA aktiv aufruft, hat den Spielfluss enorm gefördert. Sie erlaubten jederzeit hartes und körperliches Spielen, ohne jedoch die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren.

Zu Beginn des Turniers wussten nicht alle Teams, wie man das richtig platziert. Die deutschen Kicker suchten regelmäßig nach Schiedsrichter Alireza Faghani bei der Eröffnungsniederlage gegen Mexiko (0: 1), als die Mexikaner in die Zweikämpfe gingen. Der Schiedsrichter hat viel durchgelassen – und war mit seiner Art, das Spiel zu managen, richtig.

Diese Großzügigkeit wirkt auch der unaussprechlichen „Epilepsie“ entgegen, die die Schauspieler immer wieder einholt. Ein Phänomen, das vor allem im und um das Strafraumgebiet zu beobachten ist. Oft reicht hier schon der geringste körperliche Kontakt aus, so dass die Spieler theatralisch ausfallen. Sie wissen oft nicht, welchen Körperteil sie zuerst treffen sollen. Zu Recht fehlte bei diesem Turnier oft die Pfeife.

Die Implementierung des viel diskutierten Video Assistant Referee (VAR) wurde ebenfalls gewürdigt. Sie müssen kein Anwalt der VAR sein. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass der umsichtige und maßvolle Einsatz weniger Diskussion hervorrief als in den europäischen Topligen. In Szenen in der Grauzone – insbesondere in Situationen im Strafraum – wurde nicht eingegriffen. Die VAR-Leistung war alles andere als perfekt, aber die Weltmeisterschaft war ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.

Natürlich gab es in diesem Jahr auch negative Beispiele. Aber wer kann erwarten, dass in 64 Begegnungen in jeder Szene die richtige Entscheidung getroffen wird? Die Tatsache, dass mehrere Nationen offiziell eine Beschwerde gegen die zuständigen Schiedsrichter bei der FIFA eingereicht haben, ist nicht nur unbegründet, sondern zeugt auch von einem schlechten Stil.

Das hat wohl Felix Brych das Turnier gekostet. Nach der Niederlage gegen die Schweiz sah Serbien den Schuldigen beim deutschen Schiedsrichter. Brych hatte den Serben im Schweizer Strafraum im Zweikampf keinen Elfmeter zugesprochen – eine eher falsche Entscheidung. In der Folge war von einem „brutalen Raub“, von einem „Betrug“, sogar von einem Kriegsverbrecher die Rede. Unerträgliche Polemik.

Es war Brychs einziges WM-Spiel. Das runzelte nicht nur in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes die Stirn. Schließlich war Brych sicherlich nicht der einzige Schiedsrichter, der einen solchen Fehler gemacht hat. In der Bundesliga und der Champions League hat er mehrfach bewiesen, dass er die hohen Anforderungen von KO-Spielen erfüllen kann.

Je weiter ein Turnier fortgeschritten ist, desto schwieriger wird es für die offizielle FIFA-Kommission, die Schiedsrichter zu benennen. Am Ende fiel die Wahl auf Nestor Pitana. Der Argentinier hatte in all seinen vier Turnierspielen eine starke Leistung gezeigt. Diesmal gab es definitiv keinen Mangel an geeigneten Alternativen zu Pitana.

… der Betrachter: Was fehlt, ist das südamerikanische Feuer

Das Für und Wider von Fanmeilen und Public Viewing ist in Deutschland seit der WM 2006 im eigenen Land umstritten. Deutlich weniger Städte als in den Vorjahren beladen mit entsprechenden Angeboten in diesem Jahr. Dies ist wahrscheinlich eher auf die erhöhte Auflage als auf das veränderte Verhältnis zur Nationalmannschaft zurückzuführen. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass das Verhältnis zwischen Deutschen im Vergleich merklich unterkühlt ist.

Argentinische Fans

Die Begeisterung der südamerikanischen Fans fehlte später im Turnier.

(Foto: AFP)

Süd- und mittelamerikanische Teams lehren uns in regelmäßigen Abständen, was Engagement für die Nationalmannschaft eigentlich bedeutet. Sie waren auch eine echte Bereicherung für das Turnier in Russland. Vier der sieben ausländischen Nationen, die von der FIFA die meisten Tickets erhalten haben, stammen aus Südamerika.

Unvergesslich bleibt das argentinische Kollektiv Ecstasy nach dem späten Siegtor gegen Nigeria. Ebenso die Unterstützung der kolumbianischen Anhänger in der Endphase gegen England. Die peruanischen Fans auf den Tribünen feierten ihre erste WM-Teilnahme nach 38 Jahren, als würden sie mit dem Pokal im Gepäck nach Hause fliegen. Schade, dass nach dem Viertelfinale kein Südamerikaner mehr um den Titel spielte.

Die Fans wurden in den Veranstaltungsorten herzlich willkommen geheißen. Das russische Volk war hilfsbereit und tolerant, Vorfälle und Probleme blieben die Ausnahme. Zur Erinnerung: Bei der Europameisterschaft 2016 haben russische Hooligans in Marseille die englischen Fans verprügelt.

Ähnliche Unruhen in den Innenstädten waren in diesem Jahr befürchtet worden. Falsch, wie gezeigt wurde. Experten führen dies insbesondere auf die Präventionsmaßnahmen Russlands zurück. Bekannte Gewaltverbrecher haben mehrere Warnungen erhalten.

So blieb es meist friedlich. Bewegtbilder aus England waren während des Turniers besonders gefragt. Es ist allgemein bekannt: Wenn Sie nach Ihren Hits keine Bierduschen mögen, sollten Sie sich von englischen Pubs fernhalten.

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