Zum Tod des Autors und Grafikers Christoph Meckel

KLeinen wie eine Zigarettenschachtel, aber viel, viel dünner ist das Gedichtvolumen, mit dem ein herausfordernd aussehender junger Mann 1956 die Bühne betrat: 16 ungepaginierte Seiten, mit Drahtklammern geheftet. Als Christoph Meckel viel später nachsah, was wir für die Veröffentlichung der “Gesammelten Gedichte” zusammengestellt hatten, wählte der 80-Jährige für den tausendseitigen Band den gleichen Titel wie für das prähistorische Debüt: “Tarnkappe”. Kann man den Beginn und das Ende eines langen Künstlerlebens klarer verbinden? Und doch, zwei Jahre nach dem Erscheinen der poetischen Summe, erschien ein neuer Gedichtband, und sein Titel “No Beginning and No End” signalisierte erneut, dass der Künstler kein endgültiges Gleichgewicht haben kann, solange er noch Künstler ist. Christoph Meckel, der Dichter und Grafiker, ist am Mittwoch verstorben. Er war 84 Jahre alt.

Meckel wurde am 12. Juni 1935 in Berlin geboren und ist seit jeher ein Nachkriegskind in Berlin. Er war herausfordernd, respektlos, manchmal launisch, immer ausgelassen und zutiefst herzlich, aber sofort mit geballter Ernsthaftigkeit, wenn es um ein Manuskript ging. Er beharrte hartnäckig auf seiner frühen Entscheidung für Kunst. Er lebte viele Jahre in Rémuzat, Département Drôme in Südfrankreich, unvergesslich beschrieben in “Eine unbekannte Person”. Und eine ganze Generation wurde in seiner berühmtesten Geschichte „Light“ wiedergefunden, die eine tragische Liebesgeschichte erzählt, die so romantisch ist, dass man ihr bitteres Ende fast vergisst.

Im Mittelpunkt seiner Arbeit stand jedoch die Poesie. Der junge Meckel hatte immer „Taschen voller unveröffentlichter Gedichte“; eine beiläufige Beobachtung, ein Eindruck, ein Gedanke wurden zu ein paar Wörtern, einem Satz und schließlich zum Beginn eines Verses. Die meisten Arbeiten Meckels sind ohne den Impuls des erlebten Moments nicht denkbar – und ebenso wenig ohne seine Vorstellungskraft, seine Genauigkeit in der Gestaltung, die die Skizze dann zum eigentlichen Gedicht macht.

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Jetzt geht die Erinnerung auf viele Begegnungen zurück, auf Lesungen, bei der Arbeit an der schmalen Schreibmaschine, die immer in einer Zeile geschrieben ist, auf die Buchstaben, die mit bunten Fischen, Vögeln oder Hutträgern geschmückt sind, auf den Wind und den hohen Himmel über dem Cabanon in Rémuzat. Meckel wurde auch dort oben nie von der Welt abgewandt; im Gegenteil, seine Worte sind oft hart und bitter, und er hätte nie geglaubt, dass es so etwas wie ein Lebenswerk geben könnte. Der Vers sagt bereits in diesem ersten kleinen Band: „Der Regen tut mir gut / er geht auf das Dach der Welt / geht in leisen Pantoffeln. / Aber der liebe Gott hat sieben Meilen Stiefel an / und vergeht im Laufe der Jahre, in denen ich lebe. „Nach einem langen Leben hat der liebe Gott ihn jetzt eingeholt. Salut, Christoph, alter Freund!

Wolfgang Matz betreute Christoph Meckel als Redakteur beim Hanser-Verlag.

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